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17. September 1945: Neustart an der Göttinger Georg-August-Universität

Thema des Tages 17. September 1945: Neustart an der Göttinger Georg-August-Universität

Der 17. September 1945 war ein besonderer Tag für 4296 junge Frauen und Männer. Sie hatten es geschafft, an der Universität Göttingen einen Studienplatz zu erhalten. Die Universität gehörte zu den wenigen deutschen Hochschulen, die gleich nach Ende des zweiten Weltkriegs wieder öffneten. In Göttingen war sogar das Studium an allen Fakultäten möglich - allerdings unter schwierigen Bedingungen.

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Quelle: Städtisches Museum Göttingen

Göttingen. Die Wohnungsnot war groß. Zwar war Göttingen von größeren Kriegszerstörungen verschont geblieben, aber das war zugleich der Grund, dass hier viele Menschen Zuflucht suchten: Ab September nahm mit den Studierenden die Zahl der Einwohner erneut zu. Von August mit 46600 Einwohnern stieg sie auf 48200.

Im August 1945 war die Wiedereröffnung der Georg-August-Universität verkündet worden: ab 1. September war die Einschreibung zum Wintersemester 1945/46 möglich. Der Ansturm war groß. Viel mehr Bewerbungen als Studienplätze zur Verfügung standen gingen ein. Die Zulassung hatte besondere Regeln, weil unter den Studienbewerbern besonders die Kriegsversehrten und Menschen aus den Ostgebieten berücksichtigt wurden. 1571 Personen wurden als Erstsemester an der Georgia Augusta immatrikuliert. Insgesamt startete das Wintersemester 1945/46 mit 4296 Studierenden, jeder vierte Student war ein Kriegsversehrter.

Eine von ihnen war Eva Zuckschwerdt. Seit 1943 studierte sie an der Universität Göttingen. „Während des Krieges waren nur an Medizinischen Fakultät Männer eingeschrieben“, erinnert sich die 94-Jährige. Ab dem Wintersemester 1945/46 sei das sofort wieder anders gewesen: die Männer waren zurück an der Universität. Und in der Nachkriegszeit waren auch viele Studenten dabei, die das typische Studentenalter längst überschritten hatten. „Sie waren im Krieg gewesen und begannen nun mit 25 Jahren das Studium“, berichtet Zuckschwerdt. Auch ihr Ehemann war Soldat gewesen, kam noch im September 1945 aus Kriegsgefangenschaft zurück – und begann nun das Studium.

Viele Studenten trugen in den Vorlesungen noch Soldatenmäntel. „Das wurde gar nicht gern gesehen, auch wenn die gefärbt wurden“, erzählt Zuckschwerdt, die Geschichte und Germanistik studierte. An die kalten Hörsäle und die Notwendigkeit, dort warm angezogen zu sein, erinnert sich auch Konrad Fischer (91). Es habe kaum Heizmaterial gegeben und weil es Stromsperren gab, begannen die Vorlesungen früh. Fischer studierte Medizin in Göttingen. Er erinnert sich an Vorlesungen von Prof. Hermann Rein: „Liegenlassen hat der immer gerufen, wenn im Hörsaal mal wieder jemand ohnmächtig geworden ist“, erzählt Fischer.

Weniger die Inhalte der Vorlesungen als vielmehr der Hunger waren der Grund für die Rufe des Professors, die Fischer heute noch im Ohr hat. „Wir hatten oft Hunger. Viele hatten weite Wege zur Universität mit dem Fahrrad oder zu Fuß und oft nichts gefrühstückt, deshalb sind die umgekippt.“ Und dann sei es besser gewesen, den Kreislauf der Ohnmächtigen von allein wieder in Gang kommen zu lassen – also blieben sie liegen.

©Städtisches Museum Göttingen

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Cora: Kurse für Soldaten

Von den Universitätsgebäuden hatten das Zoologische Institut am Bahnhof und die Paulinerkirche mit der Universitätsbibliothek Schaden genommen. Die restlichen waren weitestgehend intakt. Viele allerdings standen für Forschung und Lehre nicht zur Verfügung. So mussten die Studierenden der Geisteswissenschaften zu Vorlesungen ins Mathematische Institut an der Bunsenstraße oder in den Hörsaal der Pathologie.

Im Auditorium am Weender Tor, im Seminargebäude am Nikolausberger Weg, im Englischen Seminar, im Landwirtschaftlichen Seminar und im Völkerkundemuseum hatte die Besatzungsmacht das „College of the Rhine Army“ (Cora) untergebracht. Dort erhielten englische Soldaten seit Juli 1945 Fortbildungskurse.

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