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Göttingen Sucht vermeiden, Betroffenen helfen
Campus Göttingen Sucht vermeiden, Betroffenen helfen
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00:19 16.09.2017
Es gibt viele Suchtgefahren: Spielsucht kann eine davon sein. Quelle: dpa
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Göttingen

Viele Chefs, so die Arbeitswissenschaftlerin vor 50 Zuhörern im Tagungshaus Alte Mensa, scheuten davor zurück, einen problematischen Umgang von Beschäftigten mit Suchtmitteln wie Tabak, Alkohol oder Medikamenten zu thematisieren. Oft seien sie unsicher, ob sie mit ihren Beobachtungen richtig lägen. Nur ungern drängen sie in die Privatsphäre von Mitarbeitern ein.

„Dabei fällt ein problematischer Konsum vor allem in der Zeit der Gefährdung auf“, erklärte Wienemann. Abhängige seien dagegen geübter, ihre Sucht zu verschleiern. Durch ein frühzeitiges Einschreiten der Vorgesetzten und das Aufzeigen von Hilfsmöglichkeiten lasse sich später viel „Stress und Durcheinander“ vermeiden. Von ersten Auffälligkeiten bis zu einer Kündigung aufgrund einer Suchterkrankung vergingen nämlich oft acht bis 15 Jahre.

Auffälliges Verhalten benennen

Die Soziologin lobte Universität und Universitätsmedizin Göttingen, dass sie in ihrer Vereinbarung mit den Personalräten als erste Stufe ein persönliches Gespräch zwischen Führungskraft und Mitarbeiter vorsehen. Dort sei auffälliges Verhalten mit Angaben zu Zeit und Ort zu benennen, Konsequenzen zu verdeutlichen und Hilfsangebote aufzuzeigen. Die Fürsorge des Chefs für seinen Mitarbeiter stehe im Vordergrund.

Gastgeber und Redner der Veranstaltung 25 Jahre Suchtprävention an der Georg-August-Universität Göttingen: Dr. Holger Schroeter (Vizepräsident der Universität Göttingen), Dr. Elisabeth Wienemann, Prof. Wolfgang Poser, Ilona Carl (Betriebliche Suchtprävention und Suchthilfe Universitätsmedizin Göttingen) und Dr. Sebastian Freytag (Universitätsmedizin). Quelle: Christoph Mischke

Erst wenn keine positiven Verhaltensänderungen erfolgten, führte Wienemann aus, sehe die Dienstvereinbarung Personalgespräche vor. Die Betroffenen müssten dann etwa nachweisen, dass sie bei einem Suchtberater gewesen seien, würden im nächsten Schritt nachdrücklich zu einer Behandlung aufgefordert. Schließlich drohten disziplinar- und personalrechtliche Konsequenzen bis hin zur Kündigung.

Auf die Gefahren des Suchtmittelgebrauchs machte der emeritierte Göttinger Medizinprofessor Wolfgang Poser aufmerksam. Die mit weitem Abstand meisten Todesfälle verursachten dabei in Deutschland heute Tabak und Alkohol. Nur ein Bruchteil der Toten seien Opfer von Heroin geworden. Cannabis (Marihuana, Haschisch) erhöhe das Risiko eines psychotischen Schubes um ein Mehrfaches und soll daher nach Ansicht von Poser nicht legalisiert werden. Süchtig machten auch Beruhigungsmittel, etwa die aus der Gruppe der Benzodiazepine.

Zentrale Rolle der Selbsthilfegruppen

Prävention, also die Verhütung von Suchtkrankheiten, von Rückfällen oder von Folgeschäden, sei ein Phänomen der Neuzeit führte der Professor aus. Die ersten Berufsgruppen in Deutschland, in denen sich Betroffene zu Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen hätten, seien Ende des 19. Jahrhunderts die Bahn- und Postbeamten gewesen. Selbsthilfegruppen spielten eine zentrale Rolle, wenn es um die Vermeidung von Rückfällen gehe.

Der Mediziner mahnte, dass Suchtstoffe am Arbeitsplatz nichts zu suchen hätten. In Krankenhäusern lagerten solche Stoffe in den Medikamentenschränken. Ärzte und Pflegepersonal bedienten sich dort zum Teil für den eigenen Bedarf. Dieses Problem gelte es anzugehen. Das Alkoholverbot in Krankenhäusern würde manchmal von Kiosken vor der Tür unterlaufen. Eine Gefahr stellten zudem nichtstoffliche Süchte dar, etwa das pathologische Glücksspiel oder die Magersucht.

Ausgerichtet wurde die Veranstaltung vom Arbeitskreis „Suchtprävention und Suchthilfe“ der Universität und der Universitätsmedizin. Es moderierte die Suchtbeauftragte Ilona Carl.

Arbeitsschutz und Fürsorge

Universität und Universitätsmedizin Göttingen haben die Dienstvereinbarung zur Suchtprävention und Suchthilfe aufgrund ihrer Verantwortung im Arbeitsschutz und wegen ihrer Fürsorgepflicht für die Beschäftigten abgeschlossen. Die Vereinbarung, die 2016 überarbeitet wurde, ist Teil des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Ziel ist es, dem Missbrach von Suchtmitteln entgegenzuwirken, die Arbeitssicherheit zu verbessern und Betroffenen zu helfen. Das Handlungskonzept soll durchschaubar und einheitlich sein.

Von Michael Caspar

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