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250-jähriges Bestehen des Theologischen Stifts der Universität Göttingen

„Experimentierlabor der Kirche“ 250-jähriges Bestehen des Theologischen Stifts der Universität Göttingen

Theologen wollen den Gläubigen nicht mehr „kleinteilig“ vorschreiben, was diese zu tun oder zu lassen haben, sondern sie bei einem selbstbestimmten Leben aus dem Glauben heraus unterstützen. Das hat der Marburger Theologie-Professor Dietrich Korsch in seinem Festvortrag erklärt. Er sprach zum 250-jährigen Bestehens des Theologischen Stifts der Göttinger Universität in der Paulinerkirche.

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Theologen wollen den Gläubigen nicht mehr „kleinteilig“ vorschreiben, was diese zu tun oder zu lassen haben, sondern sie bei einem selbstbestimmten Leben aus dem Glauben heraus unterstützen.

Göttingen. Den „Gedanken der Selbstbestimmung“ sieht Korsch als Idee, die der viertältesten Einrichtung der Hochschule (nach der Universitätsbibliothek, dem Botanischen Garten und dem Waisenhaus) während ihrer Geschichte immer wieder eine „phönixartige Erneuerung“ ermöglicht habe.

An der durch die Aufklärung geprägten Universität Göttingen, so Korsch, habe sich die Theologie von Anfang an besonders herausgefordert gesehen. Mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften sei die Theologie in die Defensive geraten.

Sie habe sich von der „vormodernen Vorstellung“ verabschiedet, christliche Lehrbestände systematisch zu ordnen und in konkrete Vorgaben über die richtige Lebensweise zu gießen. Heute wolle die Theologie Menschen bei der selbstbestimmten Entfaltung ihres Potenzials unterstützen. Bei biographischen „Brüchen, Abbrüchen und Abgründen“ gelte es, sie spirituell zu begleiten.

Im Lichte dieser Zielsetzung, führte Korsch aus, sichte die Theologie die historischen Bestände des Christentums. Diese würden als Teil der sie umgebenden Kultur wahrgenommen, mit der sie zusammen die gesellschaftliche Entwicklung durchmachten. Die Sichtung erfolge mit „wachem Zeitbewusstsein“. Theologen wüssten um die Debatten ihrer Zeit und wirkten in der Welt.

Korsch, der erst Bewohner, später Inspektor (eine Art Aufseher) des Stifts war, nannte Beispiele aus der Geschichte der Einrichtung, deren Bewohner sich seit 50 Jahren selbst verwalten. In den 1970er-Jahren hätten sich die Stiftsinsassen etwa mit dem Göttinger Häuserkampf, dem Kampf um billigen Wohnraum durch Besetzung leerstehender Häuser, auseinandergesetzt.

In einem heute „naiv erscheinenden Bekenntnis zum Weltfrieden“ hätten sie nach heftigen Diskussionen ein gelbes Schild mit der Aufschrift „atomwaffenfreie Zone“ an der Haustür befestigt.

Von einem „Spiegel der Gesellschaft“ und einem „Experimentierlabor der Kirche“, sprach der derzeitige Ephorus (Leiter), Prof. Bernd Schröder. Studienhäuser sollten „keine Dressuranstalt“ für heranwachsende Theologen-Generationen sein, zitierte Landeskirchenrat Michael Wöller Gerhard Uhlhorn. Möller ist dem Stift seit 20 Jahren als Kurator verbunden.

Prof. Reinhard Feldmeier, Dekan der Theologischen Fakultät, sprach vom „guten Geist“, der in der Geiststraße 9 herrsche. Den Integrationsbeitrag, den die Stiftsbewohner leisten, ein Drittel kommt aus dem Ausland, würdigte Unipräsidentin Prof. Ulrike Beisiegel. Die Studenten unterstützen den Mittagstisch, den die katholische Gemeinde St. Michael für Bedürftige organisiert, lobte Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD).

Von Michael Caspar

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