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3000 Jahre alter Zeremonialort bei Watenstedt entdeckt

Speiseplatz der Götter 3000 Jahre alter Zeremonialort bei Watenstedt entdeckt

Im Altertum kreuzten sich bei Watenstedt in der Nähe von Helmstedt verschiedene Handelswege. Die aus dem Norden kommenden Fernwege verbanden Südskandinavien, Norddeutschland und das heutige Gebiet in Niedersachsen miteinander.

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Das Bronzebecken von 1901 mit einem Gießformbruchstück von 2008.

Quelle: Marx

Göttingen/Braunschweig. Hier haben Forscher nicht nur eine Hünenburg (1200 -650 v. Chr.) – ein jungbronze- und früheisenzeitlicher Herrschaftssitz – entdeckt, sondern auch eine Außensiedlung und mehrere Gräberfelder. Die im 12. Jahrhundert v. Chr. gegründete Außensiedlung ist der älteste Nachweis einer stadtähnlichen engen Bebauung in Mitteleuropa. Das Areal war außerdem nicht nur ein einfaches Siedlungsgebiet, sondern vielmehr eine Unterstadt.

Diese Unterstadt beherbergte vermutlich bis zu 500 Personen, was für damalige Verhältnisse eine enorme Zahl darstellt. Der Herrschaftssitz in Watenstedt ist dadurch eine der größten bisher bekannten bronzezeitlichen Siedlungen in Mitteleuropa. Dies sind erste Ergebnisse eines gemeinsamen Forschungsprojektes des Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Georg-August Universität Göttingen und des Braunschweigischen Landesmuseum.

Erste Hinweise auf das Leben in der Bronzezeit um 900 v. Chr. bei Watenstedt gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als 1901 ein gegossenes Bronzebecken entdeckt wurde. Nach den ersten Entdeckungen ruhte die Arbeit an diesem archäologisch bedeutsamen Areal jahrzehntelang – bis Wolf-Dieter Steinmetz, Oberkustos der Abteilung Ur- und Frühgeschichte des Braunschweigischen Landesmuseums, eine erste moderne Ausgrabung initiierte. Im Jahr 2005 wurde die jungbronzezeitliche Außensiedlung entdeckt.

Erstmals ein im deutschen Raum hergestelltes Gefäß

Das Vorhaben wurde an das Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Georg-August-Universität Göttingen übergeben. Mit den folgenden Forschungsprojekten gelangen vielfältige Einblicke in Leben und Alltag der Zeit vor 3000 Jahren: Ausgrabungsleiter Dr. Immo Heske und sein Team führten gezielt Ausgrabungen in der Unterstadt durch.

Zum vollständig erhaltenen Bronzebecken von 1901 wurde 2008 ein Gießformfragment aus Ton entdeckt – erstmals ein im deutschen Raum hergestelltes Gefäß, denn die weiteren Gießformen stammen aus dem heutigen Dänemark. Mit den Gießformen wurden auf der Hünenburg die Bronzebecken gegossen. Im Altertum war die Herstellung solcher Bronzebecken schwierig und erforderte hohes handwerkliches Geschick, besonders weil die Becken mit einer dünnen Beckenwand von unter einem Millimeter hergestellt wurden. Es handelt sich mit um die qualitätsvollsten Gusserzeugnisse des Nordens. Das beweist, dass die Hünenburg weit mehr als nur ein Handelsknotenpunkt war, sondern vielmehr auch der Sitz herausragender Bronzegießer.

Zwischen 2006 und 2013 fanden Heske und das Grabungsteam zehn Nachbildungen der gegossenen Bronzebecken aus Ton. Eine Besonderheit unter diesen Funden ist ein verziertes Miniaturbecken, dessen Verzierungen mit einem der Bronzebecken aus Watenstedt identisch ist. Das heißt: Nicht nur die Bronzebecken, sondern sogar die Tonbecken wurden auf der Hünenburg hergestellt.
Im Sommer 2014 stießen die Wissenschaftler bei den Geländearbeiten auf  drei Bronzefunde. Die eingehende Restaurierung und Prüfung der Objekte ergab, dass es sich um anpassende Fragmente des 1903 gefundenen Bronzebeckens handelt.

Speiseplatz für die Götter

Die Anbindung an die Fernwege des Altertums brachte Menschen und damit neue Baustile, Handwerkswaren und Rohstoffe in die prosperierende Befestigung bei Watenstedt. Hier geben die Funde nun eindeutigen Aufschluss über die nordischen Gebräuche und ihren Weg nach Süden. Mit ab 2010 durchgeführten Untersuchungen konnte ein ausgedehntes Gargrubenareal nachgewiesen werden. 450 dieser Gruben hat man in Watenstedt gefunden – die größte Fundkonzentration in Deutschland.

Wie eigentlich für Skandinavien typisch, wurden die Mahlzeiten auf erhitzten Steinen gegart. Die Lage außerhalb der Siedlungen, an Grabhügeln oder teilweise in der Nähe von Gewässern zeigt, dass in Watenstedt die Mahlzeiten während oder im Anschluss an rituelle Umzüge und Prozessionen im Rahmen von sich jahreszeitlich wiederholenden Festen eingenommen wurden. Über mehrere Generationen wurde der Speiseplatz für die Götter bei Watenstedt genutzt. Vieles deutet also darauf hin, dass um 900 v. Chr. eine Personengruppe aus Skandinavien sich im Gebiet um Watenstedt angesiedelt hat.

Die Ausgrabungen werden gefördert durch die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) und das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

eb/chb

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