Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 5 ° Gewitter

Navigation:
"400 Quadratmeter Tradition"

Göttinger Karzer "400 Quadratmeter Tradition"

Die Wandzeichnungen waren verblasst, Licht und Feuchtigkeit hatten ihre Spuren hinterlassen: Vor zehn Jahren gelang es der Universität Göttingen, ihren historischen Karzer, mittels einer Spendenaktion, zu restaurieren. Am Freitag gab es einen Empfang zur Wiedereröffnung des Karzers.

Voriger Artikel
Tete Böttger über das Lichtenberg-Denkmal
Nächster Artikel
Zum Anbeißen

Uni Göttingen erinnert an die Restauration des Karzers vor zehn Jahren.

Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen. .

Zur Bildergalerie

Unter dem Titel „400 Quadratmeter Tradition“ initiierte die Universität im Jahr 2005 ihre erste große Spendenaktion. Mit Erfolg. Rund 120 Spender unterstützten die Aktion, die die Sanierung des historischen Gefängnisses, des Karzers, schließlich ermöglichte. Zahlreiche Freunde und Förderer übernahmen damals Patenschaften für komplette Räume oder einzelne Wandabschnitte des Karzers.

Den Pedell, Hausmeister Otfried Windel in roter Robe, an ihrer Seite, begrüßte die Präsidentin der Universität, Prof. Ulrike Beisiegel, etwa 40 bis 50 Gäste. Unter diesen waren auch zahlreiche Spender, die die Wiedereröffnung des Karzers vor zehn Jahren ermöglicht hatten. „Eine tolle Aktion“, die dazu diente, „den Karzer, der ziemlich marode war, zu sanieren, zu erhalten und wieder zugänglich zu machen“, bilanzierte Beisiegel.

Die Spendengelder seien „in aufwändige Feinarbeit umgesetzt“ worden. „Der Karzer erfreut sich allergrößter Beliebtheit“, so die Universitätspräsidentin. An jedem ersten Sonntag im Monat nutzen zahlreiche Besucher die Führungen durch das Aulagebäude und den Karzer. Das nächste historische Gebäude, das nun saniert werden soll, sei die Zoologie (am Bahnhof). Neben den Finanzmitteln von Bund, Land sowie von Unternehmen werde es auch wieder eine Spendenaktion geben.

Von der gelungenen Sanierung konnten sich die Gäste und Spender anschließend bei einer Besichtigung des Karzers überzeugen und einiges über die Gebäudegeschichte erfahren. Die Zeichnungen, Wappenbilder, Gemälde, Schattenrisse und Inschriften, mit denen sich die ehemaligen Insassen verewigten, vermitteln bis heute einen lebendigen Eindruck vom Studentenleben im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.

„Im 19. Jahrhundert waren geschätzt 50 Prozent der Studenten in Verbindungen“, erläuterte Ida Becker, Mitarbeiterin der Zentralen Kustodie. Bei der Belegung seien die einzelnen Zellen daher auch jeweils Burschenschaften, Corpsstudenten, Landsmannschaften und sogenannten „Finken“ (Studenten, die in keiner Verbindung waren) zuzuordnen.

„Die Schwierigkeit an der Restaurierung war, dass so viele Materialien verwendet wurden“, so Becker. Kohle, Pastellkreide, Bleistift, Öl- und Aquarellfarben, die inhaftierten Studenten waren gut ausgerüstet, um ihre Werke zu hinterlassen.

„Die hatten ihr Equipment dabei für ihre Malereien“, sagte Dr. Gert Hahne, der ebenfalls Gäste durch die Räume führte. Der ehemalige Pressesprecher der Universität hat ehedem über die sozialhistorischen Hintergründe des Göttinger Universitätsgefängnisses promoviert. Und als wahrer Kenner der Materie wies er auf einige Besonderheiten des Karzers hin.

Die kleinen Bleche an den Türen etwa seien vom Pedell angebracht worden, weil die Inhaftierten mit Federn Löcher hineinbohrten, um sich zu unterhalten. „Viele kleine Lebensgeschichten“ gebe es in den Zellen zu entdecken, darunter auch „viele kleine Schätzchen“. Hier eine etwas füllige, antik anmutende Unbekleidete, dort eine Schöne im Badeanzug, deutlich im Stil der 1920er-Jahre.

Verurteilt wurden die Studenten einst vom Prorektor in der Funktion des Richters. Während die Inhaftierung im Karzer im 18. Jahrhundert noch „etwas Ehrverletzendes“ hatte, war sie im 19. Jahrhundert „eine romantische Institution“, so Becker. Anders gesagt: Die Studenten, die im übrigen selbst für ihre Versorgung zu bezahlen hatten, fanden es durchaus chic, in den Karzer zu wandern. kah

Der historische Karzer

Zu schnelles Reiten, nächtliches Lärmen, Duelle oder das beliebte Auslöschen von Straßenlaternen – für solche Delikte wurden Studenten einst arrestiert. Die Universität besaß die alleinige Gerichtsbarkeit „in Civilibus et Criminalibus“ über ihre Studenten und benötigte daher auch ein Gefängnis, den Karzer, für den Vollzug der verhängten Strafen. Leichte Missetaten wurden mit eintägiger Karzerstrafe belegt, schwer wiegende Delikte mit bis zu zwei Wochen Haft.

Mit der Einrichtung von zwölf Karzerräumen im neuen Aulagebäude am heutigen Wilhelmsplatz konnte 1837 das alte Universitätsgefängnis im Kollegienhaus neben der Paulinerkirche aufgegeben werden. Hier hatte einst Otto von Bismarck seine Karzeraufenthalte absolviert.

Der Karzer im Aulagebäude erfüllte – ab 1900 auf vier Räume verkleinert – seine Funktion bis 1933. Jedes Zimmer war ausgestattet mit einem Bett, Tisch und Stuhl, einer Bank, einem Waschgeschirr aus Blech, einem Holzkasten mit Aborteimer und einem eisernen Ofen. Matratze und Bettzeug brachten die Insassen selbst mit. kah

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Amnesty-Protest auf dem Campus