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Abschiedsvorlesung von Göttinger Historiker Jakubowski-Tiessen über Wehrmacht in Dänemark

Ungebetene Gäste Abschiedsvorlesung von Göttinger Historiker Jakubowski-Tiessen über Wehrmacht in Dänemark

Über „Ungebetene Gäste“ hat Historiker Prof. Manfred Jakubowski-Tiessen in seiner Abschiedsvorlesung gesprochen. Der scheidende Lehrstuhlinhaber für Geschichte der Frühen Neuzeit ist nach Aussage seiner Kollegin Prof. Petra Terhoeven ein „unaufgeregter, entspannter Brückenbauer“, der „Konsens statt Konflikt“ sucht, „beliebt in der Stadt wie in der wissenschaftlichen Community“. Das zeigte sich auch an der großen Hörerzahl im Hörsaal  der Universität Göttingen.

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M. Jakubowski-Tiessen

Quelle: Richter

Göttingen. Einleitend entschuldigte sich Jakubowski-Tiessen, dass er mit diesem Thema „eine recht weite Auslegung“ seiner venia legendi gewagt habe. Denn die Frühe Neuzeit endet etwa mit dem Jahre 1800 – doch die „ungebetenen Gäste“, über die er sprach, waren die Deutschen in Dänemark in der Zeit zwischen 1940 und 1949.

Bei der Invasion der deutschen Wehrmacht in Dänemark am 9. April 1940 ging den Deutschen vor allem um strategische Ziele, um die Verbindung nach Norwegen zu sichern und beim Küstennachbarn Englands präsent zu sein. Trotz der Besetzung liefen die Beziehungen zwischen Deutschland und Dänemark weiter über das Auswärtige Amt in Berlin. Dies sei ein „einzigartiger Fall in der Geschichte des Deutschen Reiches“ gewesen, so Jakubowski-Tiessen.

Das anfangs vergleichsweise gute dänisch-deutsche Verhältnis verschlechterte sich 1943 erheblich. Die zunehmenden Misserfolge der deutschen Kriegsführung bestärkten den dänischen Widerstand, der Ende 1944 auf baldige Befreiung innerhalb weniger Wochen hoffen zu können meinte. Stattdessen aber wurden in den letzten Kriegsmonaten in großer Zahl verwundete deutsche Soldaten und Flüchtlinge aus den Ostgebieten nach Dänemark transportiert. Vergeblich protestierte die dänische Regierung gegen diese Maßnahme. Bei Kriegsende waren rund 250 000 deutsche Soldaten und 245 000 Flüchtlinge nach Dänemark gebracht worden.

Die Hoffnung, die Deutschen würden nach wenigen Monaten wieder in ihr Heimatland übersiedeln, erfüllte sich nicht. Erst 1949 verließen die letzten Deutschen das Gastland. Eingehend ging Jakubowski-Tiessen auf das Verhältnis zwischen Dänen und Deutschen ein: Es gab erhebliche antideutsche Ressentiments, die vor allem von Mitgliedern des dänischen Widerstands geschürt wurden. So war es den Dänen bei Strafandrohung verboten, auch nur in die Nähe des Zauns zu gehen, mit dem die Internierungslager abgesichert waren. Jegliche Fraternisierung sollte unterbunden werden: „Die Flüchtlinge wurden als Teil der verhassten Besatzungsmacht gesehen.“ Doch gab es vor allem in kirchlichen Kreisen auch eine barmherzigere Einstellung und immer wieder Unterstützung für die in Not geratenen Deutschen, die in 465 Lagern untergebracht waren.

Das jahrelange Leben hinter Stacheldraht sei für die Deutschen deprimierend gewesen, hob Jakubowksi-Tiessen hervor. „Doch das relativierte sich bald angesichts der desolaten Verhältnisse bei der Rückkehr nach Deutschland“, fuhr er fort. Am Ende habe ein „großes Gefühl der Dankbarkeit für Schutz und Versorgung“ vorgeherrscht.

Zum Ende seiner Abschiedsvorlesung erhielt Jakubowski-Tiessen das erste Exemplar der Festschrift, die seine Mitarbeiter heimlich vorbereitet hatten. Das Buch unter dem Titel „Umwelten. Ereignisse, Räume und Erfahrungen der Frühen Neuzeit“ mit Beiträgen von 20 Autoren ist im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen (416 Seiten, 64,99 Euro).

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