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Abschlussvortrag auf dem 50. Deutschen Historikertag in Göttingen

Idee der Menschenrechte Abschlussvortrag auf dem 50. Deutschen Historikertag in Göttingen

Zur Zeit der Französischen Revolution haben Sklavenhändler ihre Schiffe, auf denen sie Menschen von Afrika nach Amerika verschleppten, Liberté („Freiheit“) genannt. Das berichtete der Soziologe und Sozialphilosoph Prof. Hans Joas während seines Abschlussvortrags auf dem 50. Deutschen Historikertag.

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Großes Interesse: Mehr als  200 Zuhörer beim Abschlussvortrag.

Quelle: Vetter

Göttingen. Spanier hätten ihre Sklavenschiffe nach Heiligen benannt. Und Quäker, die später zu den entschiedensten Gegnern der Sklaverei gehörten, tauften ihre Transportschiffe für Sklaven nach ihrer Glaubensgemeinschaft Society („Gesellschaft“).

Warum praktizierten Christen jahrhundertelang Sklaverei, wo sie doch den Menschen als Ebenbild Gottes betrachten? Wie konnten Anhänger der Französischen Revolution, die sich zu den Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bekannten, gleichzeitig Menschen versklaven?

Diesen Fragen müssten Historiker nachgehen, forderte Joas vor 200 Zuhörern in der Aula der Universität am Wilhelmsplatz. Sein Vortrag „Sind die Menschenrechte westlich?“ war die Abschlussveranstaltung des viertägigen Historiker-Kongresses in Göttingen

In Opposition zu den Herrschenden

Nach Einschätzung des Soziologen von der Universität Freiburg wurzelt die Idee der Menschenrechte im moralischen Universalismus jener Umbruchzeit zwischen 800 und 200 vor Christus, die der Philosoph Karl Jaspers (1863-1969) als Achsenzeit bezeichnete. In allen damals entstandenen Religionen finde sich die Idee der Menschenrechte.

Insofern seien diese nicht westlich. Die moralischen Universalisten hätten sich zunächst in Opposition zu den Herrschenden befunden, seien aber später selbst Teil des Systems geworden. Anhänger hätten die Lehren so ausgelegt, dass sie die anfangs angeprangerten Missstände nun selbst rechtfertigten. Das sei aber von einzelnen immer wieder in Frage gestellt worden.

Der Abschaffung der Sklaverei im Westen im 19. Jahrhundert ging nach Joas ein jahrzehntelanger Streit voraus. Parallel dazu hätte die Sklavenwirtschaft eine nie dagewesene Effizienz erreicht. Auch nach der offiziellen Abschaffung habe sie zum Teil fortbestanden. So hätten die Briten in ihren afrikanischen Kolonien den Sklavenhandel durch Araber geduldet.

Einsatzmöglichkeiten der Folter

Auch vor der Abschaffung der Folter im Westen im 18. Jahrhundert habe es lange Debatten gegeben, führte der Soziologe aus. Danach sei die Folter in den Kolonien weiter betrieben worden. Auf den Sklaven-Plantagen sei sie an der Tagesordnung gewesen. Folter sei auch gegen Anhänger der kolonialen Unabhängigkeitsbewegungen eingesetzt worden.

Das hätte sich bis in die 1950er- und 60er-Jahre hingezogen. Damals begangene Verbrechen etwa durch die Franzosen im Algerienkrieg seien bis heute kaum aufgearbeitet. Und der Krieg gegen den Terror zeige, wie schnell der Westen in Krisenzeiten bereit sei, die Folter wieder einzuführen.

Joas sieht daher keinen Grund für einen „kulturellen Triumphialismus“. Menschenrechte, so sein Fazit, seien kein sicherer Besitz, sondern müssten jeden Tag neu erkämpft werden. Der Soziologe bekam starken Beifall.

Von Michael Caspar

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