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Akademiewoche in Göttingen: St. Petersburg in der russischen Dichtung

Umstrittenes Symbol der Moderne Akademiewoche in Göttingen: St. Petersburg in der russischen Dichtung

„Peter der Große hat Russland mit seinen umfassenden Reformen in eine tiefe Identitätskrise gestoßen, die bis heute nachwirkt“, berichtet der emeritierte Göttinger Slawistikprofessor Reinhard Lauer (80). St. Petersburg verkörpere  das Projekt der Modernisierung. Lauer sprach zum Abschluss der Göttinger Akademiewoche.

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Sinnbild für die Pracht St. Petersburgs: das Museum Eremitage.

Quelle: dpa

Göttingen. Zwei Fischerhütten standen im Jahr 1703 im Morast der Newa-Mündung. Dort ließ Zar Peter der Große eine am Reißbrett geplante neue Hauptstadt mit eisfreiem Hafen aus dem Boden stampfen. Die Anstrengungen waren gewaltig. Lauer vergisst nicht, die Opfer zu erwähnen.

60 000 bis 120 000 Zwangsarbeiter – leibeigene Bauern und schwedische Kriegsgefangene – fanden bei den mörderischen Arbeiten den Tod.

Die Bevölkerungszahl wuchs rasch. „Anfangs prägten Deutsche und Niederländer, später Franzosen die Stadt“, führt Lauer aus. Da überrascht es nicht, dass die Russen die Stadt als fremd wahrnahmen.

Hinzu kam, dass die Menschen das hektische, oberflächliche Großstadtleben aus der eigenen Tradition nicht kannten. Die alte Hauptstadt Moskau wirkte im Vergleich zur neuen Metropole beschaulich.

Die Reformen des Zaren machten die Menschen anfangs sprachlos, erklärt Lauer. Das hatte auch mit den zahllosen neuen Worte im Russischen zu tun, die für die vielen zuvor unbekannten Dinge aus dem Westen eingeführt wurden.

Erst mit der von Michail Lomonossow 1757 vorgelegten Grammatik, die das alte Kirchenslawisch mit der Umgangssprache verband, fanden die Schriftsteller ihre Stimme zurück. Die zahllosen Werke, die seither erschienen sind, spiegeln die Ambivalenz, mit der die Menschen St. Petersburg sehen.

Lauer zeigt das am Beispiel von Alexander Puschkins Gedicht „Der eherne Reiter“ (1834). Der Autor feiert dort zunächst Peters heroische Tat der Stadtgründung, um dann von einem kleinen Beamten der Stadt zu berichten, der in einer Überschwemmung alles verliert und den Zaren verflucht.Leo Tolstoi schildert in seinem Roman „Anna Karenina“ (1877/78), wie das Großstadtleben die Heldin des Buchs zerbricht.

Auch die gesellschaftlichen Verwerfungen der Moderne finden Eingang in die Literatur. Maxim Gorki schildert den Petersburger Blutsonntag von 1905, bei dem das Militär gegen protestierende Arbeiter vorging. Die Dichterin Anna Achmatowa sah bei der Belagerung der Stadt durch Nazideutschland, während der eine Million Menschen umkamen, den Tod aus allen Fenstern schauen.

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