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Anklägerin im eigenen System

Vortrag über evangelische Kirche Anklägerin im eigenen System

Die evangelischen Kirche ist mit dem deutschen Staat auf vielfältige Weise verbunden und sieht sich doch gleichzeitig oft als Anklägerin jenes Systems, dessen Teil sie ist. Auf diese Doppelgesichtigkeit hat der Historiker Paul Nolte in einem Vortrag im Theologicum der Universität Göttingen hingewiesen.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Ob Friedens-, Umwelt- oder Eine-Welt-Bewegung, die evangelische Kirche, so der Berliner Professor, stehe spätestens seit den 80er-Jahren meistens in der ersten Reihe, wenn es „gesellschaftliche Missstände“ anzuklagen gebe. Sie schlage dabei einen „hoch moralischen Ton“ an, führt der Historiker in seinem Vortrag über „Religion, Zivilgesellschaft und Demokratie“ aus. Der Moralismus habe mit dem Versagen der Lutheraner im Dritten Reich zu tun, vermutet der Wissenschaftler.

Die evangelische Kirche, erläutert Nolte, sei einst mit der preußischen Monarchie eine Symbiose eingegangen. Sie habe sich in die staatliche Ordnung einbinden lassen und im Gegenzug den Obrigkeitsstaat mitgetragen. Entsprechend schwer sei es ihr nach dem Untergang des Kaiserreichs gefallen, mit der Weimarer Republik Frieden zu schließen. Dabei habe die Republik die Privilegien der Kirche nicht beseitigt. Die Lutheranter hätten dem Aufstieg der Nationalsozialisten wenig entgegen gesetzt, sofern sie ihn nicht sogar gefördert hätten.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg ist es dann in der evangelischen Kirche zu einem fundamentalen Umbruch gekommen“, führt Nolte aus. Die Kirche habe sich seither viele Anliegen der Zivilgesellschaft zu eigen gemacht. Einige Kritiker würden den Lutheranern vorwerfen, dem „Zeitgeist hinterher zu rennen“. Positiv formuliert lasse sich sagen, dass die evangelische Kirche mit der Moderne Schritt halte. Das unterscheide sie etwa von der katholischen Hierarchie und deren Lehrmeinungen.

Nolte macht darauf aufmerksam, dass die Position der evangelischen Kirche seit den 90er-Jahren brüchig wird. Wie andere Großgruppen, etwa die Parteien oder Gewerkschaften, verliere sie Mitglieder. In den neuen Bundesländern oder Berlin gebe es keine evangelische Volkskirche mehr. Auch in anderen Teilen der Republik lockerten sich die kirchlichen Bindungen. Die christliche Prägung der Menschen verblasse. Damit werde es zunehmend schwieriger, die Einbindung der Kirchen in die staatliche Ordnung zu rechtfertigen.

Die Lutheraner sind nach Noltes Beobachtung zudem in neueren zivilgesellschaftlichen Bewegungen wie Attac oder Occupy trotz ihrer globalisierungskritischen Ausrichtung wenig präsent. In der säkularisierten Gesellschaft werde Religion zunehmend mit „den schmutzigen Seiten der Zivilgesellschaft“ in Verbindung gebracht: mit Pegida, die sich zu „Verteidigern des christlichen Abendlandes“ aufschwingen würden, oder mit islamistischen Terroristen. Die Gesellschaft nähme Religion als „Gefahr für die Demokratie“ wahr.

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