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Göttingen Anwesenheitspflicht im Studium
Campus Göttingen Anwesenheitspflicht im Studium
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16:45 05.02.2018
Ist eine Anwesenheitspflicht im Studium sinnvoll? Studierende in einem Hörsaal des Zentralen Hörsaalgebäudes. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Bereits bei dreimaligem Fehlen würde der Lernerfolg wesentlich geringer ausfallen, erklärt Bildungsforscher Rolf Schulmeister, Universität Hamburg. Mit der Einführung der Anwesenheitspflicht würden sich die Leistungen der Studierenden deutlich verbessern. „Nur weil man körperlich anwesend ist, heißt das doch nicht, dass die aktive Beteiligung gewährleistet ist“, betont Samra Sulejmanovic. Die Sportstudentin spricht damit ein häufig genanntes Argument der Studierenden aus. Es sei doch gerade diese Eigenverantwortung, die das Studium von der Schule unterscheide.

An deutschen Universitäten herrscht nach §4 des Deutschen Hochschulrahmengesetzes grundsätzlich erst einmal die sogenannte akademische Freiheit. Diese Regelung weicht jedoch je nach Studiengang und Veranstaltungsart ab. Vorlesungen sind fächerübergreifend ohne Anwesenheitspflicht, dies ändert sich allerdings bei Seminaren oder Übungen. An der Georg-August-Universität Göttingen herrscht beispielsweise vor allem an der Philosophischen Fakultät, in den Naturwissenschaften oder der Medizin Anwesenheitspflicht. Das bedeutet in den meisten Fällen, dass der Studierende zweimal in einem Semester ohne Entschuldigung fehlen darf.

Ruth Florack, Professorin für Neuere deutsche Literatur, erinnert an die Kompetenzen, die ein Studierender ausschließlich durch seine Anwesenheit schulen kann. Erst durch die Begegnung in dem Kurs würden Diskussionen ausgelöst und die fachspezifische Argumentation erlernt. „Wie sähe denn ein Literaturwissenschaftsstudium sonst aus?“ Wenn alle Teilnehmer eines Seminars gut vorbereitet seien und aktiv mitarbeiten, könne gemeinsam viel gelernt werden.

„Studierende sollten aus Interesse an den Veranstaltungen teilnehmen“, sagt Anja Sauer. Die Anwesenheitspflicht wäre sinnvoll für alle faulen Studierenden, die ansonsten zu selten bei ihren Seminaren und Vorlesungen teilnehmen würden. Allerdings würde niemand zum Studieren gezwungen werden, so dass ein gewisses Eigeninteresse vorhanden sein müsse.

Deborah Lopez Heydecke besucht einige Seminare mit Anwesenheitspflicht und befürchtet, dass der eigentliche Sinn des Studiums aufgrund von Bologna und dem daraus resultierenden Credit-Point-System verzerrt würde. Wenn die Anwesenheitspflicht aufgehoben werden würde, bestehe der Germanistikstudentin zufolge, die Gefahr, dass nur noch die Klausuren im Fokus der Studierenden stehen würden, anstatt des neu erworbenen Wissens. Auch Florack hat den Eindruck, dass das übergeordnete Ziel, nämlich sich Wissen und Kompetenzen anzueignen, neben den zu erwerbenden Credit-Points aus den Augen verloren wird. „Die beste Note nützt auf Dauer wenig, wenn sie nicht durch Kompetenz gedeckt ist.“

Eine mögliche Lösung bietet die Digitalisierung. Die Methode des sogenannten Flipped Classroom wird bereits an einigen Universitäten in Amerika und Frankreich genutzt und könnte auch in Deutschland erfolgreich sein. Hochschullehrer lassen sich hierbei während ihrer Vorlesung filmen und lassen ihre Vorlesung online stellen. Auf diesem Weg könnte jeder Studierende in Deutschland oder auch international diese Vorlesung besuchen. Der Studierende wäre nicht zeitlich an eine Veranstaltung gebunden. „Durch diese Möglichkeit würde vielleicht auch die Neugierde vieler Studierenden, sich neues Wissen anzueignen, gesteigert werden“, sagt Giulia Ricarda Hering.

Solange diese Möglichkeit jedoch nicht greifbar ist, ist Lisa Jung der Meinung, dass es im Ermessen jedes Studierenden läge, ob er an einer Vorlesung teil nimmt oder nicht. „Wenn die Gefahr der regelmäßigen Abwesenheit der Studierenden so groß ist, dass eine Fakultät diese zur Anwesenheit zwingen muss, sollte vielleicht auch in den eigenen Reihen nach Verbesserungsmaßnahmen Ausschau gehalten werden.“

Von Lisa Hausmann

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