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Auf Unparteilichkeit statt Willkür setzen

„Die Idee der Gerechtigkeit“ Auf Unparteilichkeit statt Willkür setzen

Menschen haben ein feines Gespür für Ungerechtigkeiten, meint der Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen. Sie sollten sich aber nicht von ihren Gefühlen leiten lassen, sondern diese einer kritischen Prüfung durch die Vernunft unterziehen.

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Nachdenklich: Nobelpreisträger Sen mit Universitätspräsident Kurt von Figura (rechts).

Quelle: Heller

Das fordert der Nobelpreisträger von 1998 in seinem neuen Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“. Er stellte es als Gast der Universität, des Lichtenberg-Kollegs und des Courant Forschungszentrums „Armut, Ungleichheit und Wachstum in Entwicklungsländern“ in der Historischen Sternwarte vorgestellt.
Sen ist stark durch John Rawls beeinflusst, dessen Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ 1971 das Interesse der Philosophen an der Frage nach Gerechtigkeit erneut weckte. Sen, 1933 in Indien geboren, lernte Rawls bereits 1968 während einer Gastprofessur in Harvard kennen. Seit 1987 lebt er dort.

Mit den Jahren kamen Sen Zweifel, an bestimmten Aspekten der rawlschen Theorie, berichtet der Wirtschaftswissenschaftler in Göttingen. Rawls, der 2002 starb, maß der Frage nach dem Wesen der vollkommenen Gerechtigkeit große Bedeutung zu. Die Realität habe sich an der idealen Welt zu orientieren. Sen hält das mittlerweile aus verschiedenen Gründen für wenig fruchtbar. So verweist er darauf, dass es konkurrierende Vorstellungen von Gerechtigkeit gibt.

Er erläutert das am Beispiel von drei Kindern, die sich um eine Flöte streiten. Zur Rede gestellt, begründet jedes seinen Anspruch. Das erste Kind sagt, dass es das einzige der drei ist, das Flöte spielen kann. Das zweite Kind erklärt, dass es das ärmste ist und sonst nichts zum Spielen besitzt. Und das dritte Kind betont, dass es die Flöte mit viel Mühe selbst hergestellt hat und sie nun auch benutzen will.

In so einer Konstellation helfe die Vorstellung einer idealen Welt nicht weiter, meint Sen. Er mahnt eine unparteiische und nicht willkürliche Entscheidung an. In der Realität gehe es darum, einzelne Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

Der Wirtschaftsphilosoph kritisiert auch, dass Rawls und seine Schüler sich intensiv mit idealen Institutionen beschäftigen. Sen stellt klar, dass Institutionen dazu beitragen, dass Menschen ihr Leben im Einklang mit den von ihnen hoch geschätzten Werten führen können. So schaffen ie das Recht auf Information und die Redefreiheit Raum für öffentliche Diskussionen. Wer jedoch über ideale Institutionen philosophiere, verliere die konkrete Verbesserung unvollkommener Institutionen aus dem Blick. Zudem würden Ungerechtigkeiten oft weniger durch die Institutionen an sich, als vielmehr durch individuelles Fehlverhalten entstehen.

Schließlich macht Sen auch auf die Gefahr der Betriebsblindheit aufmerksam. Eine Gesellschaft tue gut daran, bei Diskussionen über Gerechtigkeit auch „ferne Stimmen“ anzuhören. Sie könne so „eine gewisse provinzielle Beschränktheit“ vermeiden. Nicht nur der Westen, so der Inder mit feinem Spott, befasse sich mit diesem Thema.

Von Michael Caspar

Amartya Sen: Die Idee der Gerechtigkeit. Beck, München 2010, 493 Seiten, 29,95 Euro.

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