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Aufgewachsen im Krieg mit Eltern ohne Liebe

Kriegsenkel Aufgewachsen im Krieg mit Eltern ohne Liebe

„Die Kinder der Kriegskinder“: 150 Teilnehmer haben an einer Fachtagung unter diesem Titel in Göttingen teilgenommen. Die Kriegsenkel sprachen über ihre Erfahrungen und gaben persönliche Einblicke. Die Tagung zeigte auch, dass Kriegsenkel als Gegenstand der Forschung ein Thema sind.

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Symbolisch: Wie ein einengender Zaun können Ängste und Selbstzweifel auch unbewusst auf die Kriegsenkel wirken.

Quelle: Magnus

Göttingen. Sie wurde verschleppt von russischen Soldaten und kehrte verstört auf den Hof ihrer Eltern zurück. Wenig später musste die Familie fliehen, doch die Tochter war verschwunden. Zwei Jahre danach wurde sie tot unter einem Heuhaufen ihres verlassenen Elternhofs in Polen entdeckt. Ihre Großtante hat die Berlinerin Anne Barth nicht gekannt, aber deren bewegende Geschichte.

Es ist ein familiäres Kriegsschicksal, das Barth lange Zeit nicht losließ. Sie hat sich mit dem, was der Schwester ihres Großvaters geschah, auseinander gesetzt, hat einen virtuellen Treffpunkt gegründet und bei einer Tagung zum Thema „Die Kinder der Kriegskinder“, in Göttingen darüber gesprochen. Eingeladen wurde die Gründerin des Internetforums Kriegsenkel von der Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie sowie Heike Knoch und Prof. Winfried Kurth, den Organisatoren der bundesweiten Fachtagung.

Chance zum Austausch

Sie wuchsen im Krieg und mit dessen Wunden auf. Ihre Eltern waren nicht in der Lage, Liebe und Aufmerksamkeit zu geben: Kriegskinder sind eines der zentralen Themen der Nachkriegsforschung. Doch wie prägen sie die nächste, vielleicht sogar die übernächste Generation? Aufschluss darüber sollte die Tagung an der Sternwarte geben. Und die Chance zum Austausch.

Der Raum ist voll, im hinteren Teil müssen sogar einige Zuhörer stehen. „Wir haben rund 150 Teilnehmer“, sagt Kurth, der wegen des Tagungsthemas mit einem großen Interesse gerechnet hatte, doch von dieser Zahl selbst überrascht wurde. Das Forum zeigt sich diskussionsfreudig. „Für viele bietet sich bei solchen Tagungen die Möglichkeit, mit Gleichgesinnten zu sprechen und zu erkennen, dass sie nicht alleine sind. Es geht darum, eine Vernetzung zu schaffen“, sagt Kurth.

Unter den Teilnehmern sind Psychoanalytiker, die sich beruflich mit dem Thema befassen. Besucher sind dabei, die einen persönlichen Hintergrund haben oder das Thema künstlerisch aufarbeiten und es auf die Bühne bringen. Vor ihnen sprechen die, die sich wissenschaftlich mit Kriegsenkeln befassen und jene, die einen autobiografischen Hintergrund haben und andere daran teilhaben lassen. Die Berlinerin Barth stellt in ihrem Vortrag das von ihr mitgegründete Internetforum für Kriegsenkel vor. Virtuell werde dort Hilfe zur Selbsthilfe angeboten, und Kriegsenkel könnten miteinander in Kontakt treten, erklärt die Tochter eines deutschen Flüchtlingskindes.

Schüler an Nationalpolitischer Lehranstalt

Neben Barth gibt es weitere Referenten, die persönliche Einblicke gewähren. Beispielsweise Gerhard Roese. In Göttingen spricht er von seinem Vater, der ein Schüler an der Nationalpolitischen Lehranstalt (NAPOLA) war, und dem sexuellen Missbrauch, dem Roese später auf der Odenwaldschule zum Opfer gefallen ist.

Kriegsenkel als Gegenstand der Forschung? Dort sieht Kurth noch viel Potenzial. Bei der Tagung habe er zusammen mit Knoch ein Gleichgewicht zwischen wissenschaftlichen und autobiographischen Beiträgen schaffen wollen. Er selbst lehrt Informatik an der Universität Göttingen, Knoch habe in der Sozialpsychologie Berührungspunkte mit dem Thema Kriegsenkel gehabt. Kurth betont: „Wir sind keine Experten auf diesem Gebiet.“ Wie bei vielen sei es auch bei ihnen der persönliche Hintergrund, der sie dazu bewegt habe, sich als Kriegsenkel mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen.

Von Kristin Kunze

forumkriegsenkel.de

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