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Göttingen Ausstellung über taube Menschen
Campus Göttingen Ausstellung über taube Menschen
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20:14 16.01.2019
Eröffnung der Ausstellung im Kulturwissenschaftlichen Zentrum der Universität. Quelle: Peter Heller
Göttingen

Einen Einblick in die Subkultur der 80 000 tauben Menschen in Deutschland bietet eine Ausstellung im Kulturwissenschaftlichen Zentrum der Universität Göttingen. Dienstagabend ist sie eröffnet worden.

„Seit drei Jahren zeichnen wir im Zuge eines Forschungsprojekts die Lebensgeschichte tauber Menschen auf, die zwischen 1930 und 1950 geboren worden sind“, berichtet Professor Markus Steinbach, der in Göttingen germanistische Linguistik lehrt. „Einige dieser knapp 50 Interviews haben wir für die Ausstellung ausgewertet“, ergänzt Studentin Benita Pangritz.

SMS löste das Schreibtelefon ab

Anhand von Schautafeln dokumentiert die Ausstellung die Lebenswelt Gehörloser. Es gibt Vereinszeitungen und ein Schreibtelefon zu sehen. Letzteres übertrug einst eingetippte Texte telefonisch und verschriftlichte Tonsignale eingehender Texte. „Heute verschicken Gehörlose mit dem Handy SMS“, weiß Steinbach. Die Ausstellungsmacher, 14 Studierende und drei Dozenten, haben die Texte in Gebärdensprache übersetzt. Über QR-Codes lassen sich entsprechende Filmsequenzen abrufen.

Weltweit gibt es mehr als 300 Gebärdensprachen

„Hörende Menschen nutzen Gestik und Mimik ergänzend zur Sprache“, führt Steinbach aus. Daraus habe sich die Gebärdensprache entwickelt. Es gebe weltweit zwischen 300 bis 400 verschiedene Gebärdensprachen. Zudem existierten Dialekte. Ein Norddeutscher, der in Süddeutschland gebärde, werde nicht immer verstanden.

Gehörloser Chemieprofessor

„Dokumentiert ist die Verwendung von Gebärdensprache in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert“, führt Steinbach aus. In der Sprache ließen sich auch wissenschaftliche Inhalte wiedergeben. Neue Begriffe könnten gebildet werden. Ein gehörloser Chemieprofessor, der an einem Max-Planck-Institut tätig sei, vermittle die von ihm geprägten Ausdrücke seinen Dolmetschern in Workshops.

Gehörlosenpädagogik setzte lange auf Lautsprache

In Europa versuchten Gehörlosenpädagogen von 1880 an, etwa 100 Jahre lang die Gebärdensprache zu unterdrücken, erfahren Besucher der Ausstellung. „Die Pädagogen vertraten die Ansicht, dass die Gebärdensprache Gehörlose vom Rest der Gesellschaft isoliert“, erklärt der Professor. Taube Kinder in ihrer Obhut hätten das Lippenlesen und das Sprechen lernen müssen. Darauf sei viel Zeit verwandt worden. Sie habe dann bei der Vermittlung von Wissen gefehlt. Die Folge: Viele der interviewten Senioren hätten im Vergleich zu Gleichaltrigen schlechtere Schulabschlüsse.

Lebensgeschichten tauber Senioren sind Bestandteil der Ausstellung.

„Die Senioren, mit denen wir sprachen, haben überwiegend Berufe ergriffen, in denen sie sich wenig mit anderen austauschen mussten, etwa Schneider oder Zahntechniker“, sagt Steinbach. Im Arbeitsleben seien sie oft isoliert gewesen. Das habe einige depressiv gemacht. Um so wichtiger seien Gehörlosen die Kontakte zu anderen tauben Menschen. Es gebe ein reges Vereinsleben. Sie träfen sich zum Fußball- oder Kartenspielen. Theateraufführungen würden organisiert. Oft nähmen Betroffene weite Wege auf sich.

Zwangssterilisationen während des Dritten Reichs

„Einige Interviewpartner haben die Zeit des Nationalsozialismus noch miterlebt“, berichtet der Professor. Die Haltung des Dritten Reichs zu tauben Menschen sei zwiespältig gewesen. Auf der einen Seite habe es NS-Gruppen für sie gegeben, sie seien also in die „Volksgemeinschaft“ integriert worden. Auf der anderen Seite habe Gehörlosigkeit bei den Nazis als Erbkrankheit gegolten, was nur teilweise richtig sei. Um die Ausbreitung zu unterbinden, hätten sie Zwangssterilisierungen durchgeführt.

Cochlea-Implantate

„Heute fühlen sich nicht wenige taube Menschen wieder angegriffen – diesmal durch die Cochlea-Implantate, die tauben Menschen das Hören ermöglichen“, sagt der Professor. Hörende Eltern würden sie ihren tauben Kindern im jungen Alter implantieren lassen, damit diese die Regelschule besuchen können. Sie fühlten sich in der Regel überfordert, ihr Kind in Gebärdensprache, für sie eine Fremdsprache, aufzuziehen. Prof. Christian Rathmann von der Humboldt-Universität Berlin, der zur Ausstellungseröffnung sprach, rät, den betroffenen Kindern trotzdem die Gebärdensprache beizubringen. Er ist selbst taub.

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Februar im Kulturwissenschaftlichen Zentrum, Heinrich-Düker-Weg 14, zu sehen.

Von Michael Caspar

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