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Göttingen Menschenknochen in Höhlenkammern
Campus Göttingen Menschenknochen in Höhlenkammern
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12:19 30.09.2017
Schädel im Gräberfeld in der Lichtensteinhöhle bei Osterode. Quelle: r
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Göttingen

Als Begräbnisstätte hat eine Großfamilie der Bronzezeit über fünf Generationen hinweg die Lichtensteinhöhle bei Osterode genutzt. Das berichteten Kreisarchäologe Stefan Flindt und Anthropologin Susanne Hummel bei einem gemeinsamen Vortrag im Auditorium der Universität Göttingen mehr als 100 Zuhörern.

Wissenschaftler hielten den Fundort zunächst für eine Stätte, wo um 1000 vor Christus Menschen geopfert worden seien, führte der Kreisarchäologe Dr. Flindt aus, der mit Dr. Hummel über die Funde in der Lichtensteinhöhle bei der Tagung des Arbeitskreises Vegetationsgeschichte der Reinhold-Tüxen-Gesellschaft in der Universität Göttingen sprach. Über mehrere Kammern hinweg, so Flindt, lagen mehr als 5000 Menschenknochen verstreut.

Kreisarchäologe Dr. Stefan Flindt Quelle: r

„Unsere Untersuchungen, die 1996 begannen, ergaben jedoch keine Hinweise auf Gewaltanwendung oder Verletzungen durch Unfälle“, betonte die Göttinger Anthropologin Hummel. Nur vereinzelt habe es leichtere, wieder verheilte Knochenbrüche gegeben. Einige der Menschen, die sich kohlenhydratreich von Hirsebrei ernährten, litten zu Lebzeiten unter Karies. Eisenmangel sei auch festgestellt worden.

Ein kreisrundes, vier Zentimeter breites Loch weise der Schädel eines Jungen auf. Er sei offenbar operiert worden. Der verheilte Knochen zeige, dass der Junge die schmerzhafte Prozedur einige Monate überlebt habe. Aufs Ganze gesehen führten die Menschen ein ruhiges Leben, deren Knochen mehr als 2000 Jahre später untersucht wurden.

„Auch bei der Altersverteilung gibt es keine Auffälligkeiten“, sagte Hummel. Eine größere Zahl von jungen Menschen deute auf die zu der Zeit hohe Kindersterblichkeit hin. Die größere Zahl von Frauen im Alter von Anfang bis Mitte 20 Jahren lasse sich durch Todesfälle bei der Geburt von Kindern

Anthropologin Dr. Susanne Hummel Quelle: r

erklären.

„In der Höhle liegt die Temperatur konstant bei sechs bis acht Grad“, führte die Anthropologin aus. Das Gestein, Gipskarst, wirkte konservierend. So habe sich das Erbgut, die DNA, über 3000 Jahre erhalten. Das ermögliche es, den genetischen Fingerabdruck zu erstellen und so jeden der Knochen einem bestimmten Menschen zuzuordnen. Von den 62 beigesetzten Personen seien 48 miteinander verwandt. Bei den übrigen Toten könne es sich um Ehepartner handeln.

„Auffüllig ist, dass keines der Skelette vollständig ist“, sagte Hummel. Bei den großen Knochen fehlten 20 Prozent, bei den kleineren oft noch mehr. Larven der Blauen Schmeißfliege deuteten darauf hin, dass die Toten zunächst außerhalb der Höhle beerdigt wurden. Die Maden benötigen eine Temperatur von mindestens 14 Grad Celsius. In der Höhle sei es ihnen zu kalt. Der Familienclan habe die Knochen also nach Jahren wieder ausgegraben und in der Höhle ein zweites Mal beigesetzt.

„Das ist in dieser Zeit eine ungewöhnliche Art der Beisetzung gewesen“, erklärte Kreisarchäologe Flindt. Die Großfamilie gehöre zur sogenannten Unstrutgruppe der Urnengräberzeit (1200 bis 800 vor Christus). Der Siedlungsraum dieser Gruppe habe sich vom Thüringer Becken aus bis zum südlichen Harz erstreckt. Damals seien die Toten eigentlich verbrannt und in Urnen bestattet worden.

„Bei der zweiten Beisetzung führte die Großfamilie in der ersten Höhlenkammer, dem sogenannten Berndsaal, Zeremonien durch“, sagte Flindt. Der Raum sei über zwei, jeweils mehrere Meter tiefe Schächte zu erreichen. Mit einem Seil, einer Leiter oder einem Steigbaum seien die Menschen in die Höhle hinabgestiegen. Auf Knien hätten sie die erste Kammer erreicht.

Fundstück: Schmuckspange. Quelle: r

„Dort haben sie den Boden planiert und mit Moos und Heu gepolstert“, führte der Kreisarchäologe aus. 120 verschiedene Pflanzen konnten dort nachgewiesen werden, darunter viele Duft- und Würzkräuter. Der Zugang zu den Nachbarkammern, wo die Knochen gelagert wurden, sei zusätzlich erschwert worden. Die Menschen hätten den Bereich der Lebenden wohl von dem der Toten klar trennen wollen.

„Die hinterste Kammer ist 1980 als erste entdeckt worden“, sagte Flindt. Die Höhle habe nämlich einen zweiten, 1972 entdeckten Zugang. Von dort bis zu den beiden Schächten sei sie 120 Meter lang. „Die Ausgrabungen erfolgten zwischen 1993 und 2013“, so der Kreisarchäologe.

Menschliche Knochen in einer der Kammern der Lichtensteinhöhle. Quelle: r

Von Michael Caspar

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