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Bleifraß zersetzt Orgelpfeifen in Norddeutschland

Materialforschung Bleifraß zersetzt Orgelpfeifen in Norddeutschland

In einem Pilotprojekt haben Materialprüfer und Musikwissenschaftler die Ursachen von Korrosion und Schimmel erforscht, die in Deutschland seit Jahren historischen Orgeln zusetzen. Danach ist der sogenannte „Bleifraß“ am gefährlichsten, weil er die Orgelpfeifen von innen angreift.

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Der Bremer Physiker Herbert Juling prüft die denkmalgeschützte Orgel in der Marienkirche von Drebber.

Quelle: epd

Bremen. „Wenn dann Löcher in der Wand der Pfeifen entstanden sind, ist es schon fast zu spät“, lautet die Erfahrung des Bremer Physikers Herbert Juling (59). Ursachen für den unsichtbaren Zerstörungsprozess ist nach seinen Worten unter anderem Essigsäure, die von Eichenholz ausgeschieden wird. Meist sind die sogenannten Windladen, aus denen Luft in die aus Blei oder einer Blei-Zink-Legierung gegossenen Pfeifen gepustet wird, aus Eichenholz gebaut. „Das Holz hat die unangenehme Eigenschaft, Essigsäure auszuscheiden“, sagte Juling, der seit 2013 mögliche Korrosions-Ursachen am Beispiel zweier Orgeln untersucht. Die denkmalgeschützten Instrumente stehen beide in Niedersachsen, und zwar in Drebber zwischen Bremen und Osnabrück und in Belum bei Cuxhaven.

 
„Wenn dann noch Feuchtigkeit hinzukommt, wirkt das zersetzend, es entsteht Blei-Acetat, die Pfeifen sind sauer“, verdeutlichte Juling. Eine Umluft-Heizung in der Kirche und die Luftfeuchtigkeit, die etwa durch viele Gottesdienst-Besucher erhöht wird, verschärften das Problem noch. Das gefährde Kulturschätze, die unwiederbringlich verloren gehen könnten, besonders im Nordwesten Deutschlands, warnte der Wissenschaftler. „Hier gibt es die weltweit höchste Dichte an spielbaren historischen Orgelinstrumenten.“

 
Um gegenzusteuern, müssten Orgelbauer für neue Instrumente sehr lang abgelagertes Eichenholz verwenden, das allerdings schwer zu bekommen sei, räumte Juling ein. Bei Bau und Restaurierung dürften auch keine Leime mit Acetat verwendet werden, die selbst Essigsäure ausschieden. Überdies könnten Trocknungsmittel in der Orgel und das Ausstreichen des Innenraums der Windladen mit Kalk helfen: „Versuche haben gezeigt, dass der Kalk die Säure neutralisieren kann.“ Zudem helfen Heizungssysteme, die Strahlungswärme liefern. Doch insgesamt müsse noch weiter geforscht werden, um Gegenstrategien zu entwickeln, betonte der Physiker, der Ergebnisse der Untesuchung in der Bremer Hochschule für Künste vorstellte. Das Pilotprojekt lief unter der Leitung des Arp-Schnitger-Institutes für Orgel und Orgelbau an der Bremer Hochschule für Künste.

 

Von Dieter Sell

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