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Burn-Out-Syndrom: Modeerscheinung oder Fehldiagnose?

Von der Arbeit vereinnahmt Burn-Out-Syndrom: Modeerscheinung oder Fehldiagnose?

Er hat schon sehr viele Interviews mit an Burn-Out leidenden Menschen geführt. Dr. Nick Kratzer meint: „In meinen Studien gab es nur einen, der gesagt hat, dass er denkt, bis zum Rentenalter arbeiten zu können. Der war allerdings auch schon 64.“

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Viel zu tun, aber nichts geschafft: Ein typisches Zeichen für das Burn-Out-Syndrom.

Quelle: dpa

Göttingen. Kratzer ist Soziologe am Institut für sozialwissenschaftliche Forschung in München und untersucht unter anderem das Burn-Out-Syndrom und dessen gesellschaftliche Ursachen. Am Mittwoch stellte der Wissenschaftler seine Studie zu diesem Thema im Rahmen der Mittwochsreihe des Göttinger Zentrums Psychosoziale Medizin der Universitätsmedizin Göttingen vor.

Nick Kratzer

Nick Kratzer

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„Wir arbeiten empirisch“, also mit einer systematischen Erhebung von Daten über soziale Tatsachen und die Realität, beschreibt Kratzer seine Arbeitsweise. Durch Interviews und deren Auswertung kommt er schließlich zu seinen Ergebnissen. Er stellt seine Fragestellung dar: Ist das vermehrte Auftreten des Burn-Out-Syndroms eine Modeerscheinung und Fehldiagnose oder tatsächlich eine krankhafte Epidemie, die es einzudämmen gilt?

Der Wissenschaftler geht auf die Debatte ein und zeigt zwei Richtungen auf. Auf der einen Seite sprechen demnach ein vermehrtes Auftreten von diagnostiziertem Burn-Out, eine nachweisbare angestiegene Arbeitsbelastung und ein erhöhtes Depressionsrisiko für eine Epidemie.

Auf der anderen Seite könnte aber ein angestiegener Medienhype um das Thema und eine verstärkte Aufnahme von den Beschäftigten zu einer Fehldiagnose führen. Außerdem stehen nach Angaben von Kratzer noch immer Definitions- und Erfassungsprobleme des Burn-Out zur Debatte.

„Irgendwie war der Tag total voll, aber ich habe trotzdem nichts geschafft“

Kratzer kommt auf den Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zu sprechen. Darin heißt es, dass sich die psychischen Anforderungen in der Arbeit „auf hohen Niveau stabilisiert haben“. Aber im vermehrten Auftreten von Burn-Out sieht der Fachmann zwar keine Epidemie, aber problematische Entwicklungstendenzen.

Dem Soziologen zufolge überlasten sich die Unternehmen selbst und leiten dies an die Beschäftigten weiter. Sie stecken sich nicht erreichbare Ziele und lassen es so zu einer systematischen Überbelastung kommen. Laut Kratzer gibt es Verschränkungen zwischen Unternehmens- und Arbeitskraftperspektive.

So soll sich die Lebenswelt der Beschäftigten immer mehr mit der Arbeitswelt vermischen. Probleme des Unternehmens – ökonomische als auch existenzielle – werden zu Problemen der Beschäftigten und außerdem müssen diese durch erhöhte Anforderungen Ressourcen von außerhalb der Arbeit nutzen.

Das Leben wird vermehrt von der Arbeit vereinnahmt. Nach Kratzer meinen Beschäftigte zwar mehr Freiheiten in Bezug auf ihre Arbeitszeit und das Lösen von Problemen zu haben, diese haben aber gleichzeitig durch gestiegene Leistungsanforderungen das Gefühl, weniger zu schaffen.

So sagte eine Person in den Interviews: „Irgendwie war der Tag total voll, aber ich habe trotzdem nichts geschafft.“ Beschäftigte leisten zulasten ihres Privatlebens und ihrer Gesundheit mehr. Laut dem Soziologen bemerken immer mehr Unternehmen den Konflikt zwischen Leistung und Leben und handeln durch gesundheitsfördernde Maßnahmen.

Die Ursache der Problematik ist somit allerdings noch nicht beseitigt.

Von Friedrich Schmidt

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