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„Campus-Ansichten“: Der Baumwipfelpfad

Spektakuläre Aussicht „Campus-Ansichten“: Der Baumwipfelpfad

Die Tageblatt-Sommerserie „Campus-Ansichten“ bietet Einblicke und Ausblicke, die die Universität und Forschungsinstitute in Göttingen von Seiten zeigen, die nur wenigen Menschen bekannt sind. Um den Baumwipfelpfad dreht sich Folge 4.
Göttingen.

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Stahlseile halten das Gerüst, das nach oben zu den Kronen der Bäume führt.

Quelle: Hinzmann

Der Baumwipfelpfad der Universität Göttingen mit seiner spektakulären Aussicht ins Leinetal könnte eine beliebte Touristenattraktion sein. Biologie-Professor Christoph Leuschner (58) ließ ihn 2009 jedoch ausschließlich für Forschung und Lehre anlegen. Eine öffentliche Nutzung, über die nachgedacht worden ist, hätte die Baukosten von 200 000 Euro weiter in die Höhe getrieben.

„Über die Biologie von Baumwipfeln wissen wir erstaunlich wenig“, berichtet Dirk Hertel (48), Akademischer Rat in Leuschners Abteilung Ökologie und Ökologiesystemforschung der Biologischen Fakultät. Der Pfad ermögliche Forschung etwa zum Wasserhaushalt oder zur Gewinnung von Kohlenstoff durch Photosynthese. Wissenschaftler könnten dort beobachten, wie Bäume mit dem Klimawandel zurecht kämen, also mit steigenden Temperaturen und zunehmender Trockenheit.

Entstanden ist der Kronenpfad in einem Mischwald auf dem Gelände des Nordcampus. Weil das Gießen von Betonfundamenten die Bäume in Mitleidenschaft gezogen hätte, halten Stahlseile das 15 bis 17 Meter hohe Gerüst. Sie sind mit Ankern im Kalkboden befestigt. Die Standsicherheit ist hoch. „Selbst bei Sturm bewegt sich das Gerüst nicht“, sagt Hertel. Der Tüv prüft die Anlage jährlich.

Lebensgefahr droht auf dem Pfad nur bei Gewittern. Mehrmals im Jahr schlägt der Blitz ein, verbiegt die Blitzableiter oder reißt sie sogar aus ihren Halterungen heraus. Der Strom, der dann fließt, springt über und kann zu schweren Verbrennungen führen. Daher darf sich bei solchen Unwettern selbst unten auf dem Boden in der Nähe des Zauns, der den Baumwipfelpfad gegen das Betreten durch Unbefugte schützt, niemand aufhalten.

Bestiegen wird das Gerüst über zierliche, aber stabile Leitern. Im Sommer nehmen die Blätter die Sicht hinunter zum Waldboden. Wer nicht ganz schwindelfrei ist, weiß das zu schätzen. Oben sichern Geländer auf beiden Seiten des 72 Meter langen Pfads Besucher vor dem Herunterfallen.

Neun verschiedene Baumarten gibt es vom Pfad aus zu sehen. Der Wald ist nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf einer zuvor baumfreien Anhöhe durch natürliche Sukzession entstanden. Neben der Rotbuche, dem in Deutschland am weitesten verbreiteten Baum, finden sich Linden und verschiedene Ahornarten. Außerdem wachsen dort Hainbuchen und Eichen, Robinien, Eschen und eine Wildkirsche.

Derzeit tobt ein stiller Kampf um den besten Zugang zum Sonnenlicht. „Buchen und Linden wachsen in die Kronen anderer Bäume hinein“, berichtet Hertel. Vor allem die Buche peitsche sich bei Wind mit ihren Zweigen den Weg zum Licht frei. „Auch darüber ist bisher wenig geforscht worden“, sagt Hertel.

Noch ist der Wald jung. Die Bäume wachsen jedes Jahr um bis zu 50 Zentimeter. Der Kronenpfad ist darauf ausgerichtet. „Die Statik ermöglicht es, ihn weiter zu erhöhen“, sagt Hertel. Damit verbessert sich die Aussicht und so der potentielle touristische Nutzen.

Von Michael Caspar

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