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Göttingen Kartensammlung der Universitätsbibliothek
Campus Göttingen Kartensammlung der Universitätsbibliothek
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00:27 11.04.2018
Kartensammlung der SUB (Historisches Gebäude im Papendiek). Die stellvetretende Abteilungsleiterin der Spezialsammlungen, Mechthild Schüler, verantwortlich für die Kartensammlung, mit einer Weltkarte in zwei Hemisphären aus dem Jahr 1587. Quelle: Richter
Göttingen

„Karten sind oft hochpolitisch und aus militärischen oder geheimdienstlichen Gründen häufig nur einem eingeschränkten Kreis von Nutzern zugänglich“, berichtet Mechthild Schüler. Die stellvertretende Leiterin der Abteilung Spezialsammlungen und Bestandserhaltung ist unter anderem für die 320.000 Kartenblätter und 11.000 Atlanten der Bibliothek zuständig.

„So hat Göttingen zwischen 1820 und 1850, als die Welfen Hannover und Großbritannien in Personalunion regierten, 300 seinerzeit als streng geheim eingestufte Seekarten von allen Küsten der Weltmeere erhalten“, berichtet Schüler. Die zuständige Behörde in London, das Hydrographical Office, habe solche Karten nur Kommandeuren von Kriegsschiffen für ihre Missionen ausgehändigt. Auf den Karten sei jeder kleine Hafen mit Angaben zu seiner Ansteuerung enthalten. Auch fänden sich Hinweise zur Aufnahme von Trinkwasser und Lebensmitteln. Die Kommandeure hätten die Karten im Anschluss an ihre Einsätze persönlich wieder abgeben müssen.

Detailansicht aus einer Südamerika-Karte aus dem Jahr 1599: Weniger als Information denn als schmückendes Detail sind Kannibalen gezeigt. Quelle: Niklas Richter

Kartenmaterial aus dem Ostblock

„Zu Sowjetzeiten war es sehr schwer, an Kartenmaterial aus dem Ostblock heranzukommen“, erinnert sich Schüler. Um so größer sei die Begeisterung gewesen, als nach dem Untergang der Sowjetunion ein russischer General über das Internationale Landkartenhaus in Stuttgart eine Sammlung von mehr als 5000 geologischen Karten angeboten hätte. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft habe innerhalb kurzer Zeit einen sechsstelligen Betrag zum Ankauf bereitgestellt. Um diesen Schatz beneideten heute viele Göttingen.

„Die Universität sammelt seit ihrer Gründung 1734 Karten“, berichtet Johannes Mangei, der die Abteilung Spezialsammlungen und Bestandserhaltung leitet. Nicht nur Geowissenschaftler arbeiteten mit ihnen. Historiker könnten zum Beispiel anhand alter Karten die einst ganz in Holz errichteten und später in der Regel niedergebrannten Städte Russlands rekonstruieren. Sprachwissenschaftler verfolgten an Hand von Karten wie sich Ortsnamen im Laufe der Jahrhunderte verändert hätten. Landschaftsplaner, die Fließgewässer renaturierten, erführen, welchen Verlauf Flüsse und Bäche einst genommen hätten.

Die stellv. Abteilungsleiterin der Spezialsammlungen Mechthild Schüler (l.), verantwortlich für die Kartensammlung, und die Gruppenleiterin Petra Köhler, mit einem Seeatlas aus dem Jahre 1591. Quelle: Niklas Richter

Zeichnungen von Kannibalen

„An den 65.000 Kartenblätter, die wir aus der Zeit vor 1945 besitzen, lässt sich die Entwicklung der Karten nachzeichnen“, sagt Mangei. Dabei seien Bezüge zu anderen Teilen der Spezialsammlungen wie etwa zu Handschriften, Nachlässen und alten Drucken nützlich. Alte Karten enthielten oft Stadtansichten, die Gebäude mehr symbolisch, als realistisch zeigten. Oft hätten Kartografen Zeichnungen eingefügt, in denen sie ihrer Phantasie freien Lauf ließen. So zeige eine Südamerikakarte von 1594 Kannibalen beim Schlachten und Zubereiten von Menschen. Mit Kartograf Gerhard Mercator sei mehr Sachlichkeit in die Kartengestaltung eingezogen. Zunehmend seien Messungen eingeflossen.

„Einen großen Teil neuer Karten konnten wir von 1975 an erwerben“, berichtet Schüler. Göttingen habe bis 2015 ein sogenanntes Sondersammelgebiet der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) betreut. So verfüge die Bibliothek heute über Kartenmaterial, das es selbst in den Herkunftsländern nicht mehr greifbar sei. Dann habe die DFG die Förderung gestoppt, um ihre Mittel auf die Spitzenforschung zu konzentrieren.

Fachinformationsdienst

„Heute kaufen wir nur noch ein Viertel von dem, was wir früher orderten“, sagt Petra Köhler, die mit zwei Kollegen für Erwerb, Erfassung und Bereitstellen der Karten zuständig ist. „Seit 2016 fördert die DFG uns als Fachinformationsdienst Geowissenschaften der festen Erde“, sagt Schüler. Diese Mittel, die unter anderem für die Digitalisierung geowissenschaftlicher Karten genutzt würden, seien alle drei Jahre neu zu beantragen.

Von Michael Caspar

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