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Vom Dachboden gerettet

„Campus-Ansichten“ Vom Dachboden gerettet

Die Tageblatt-Serie „Campus-Ansichten“ bietet Einblicke und Ausblicke, die die Universität und Forschungsinstitute in Göttingen von Seiten zeigen, die nur wenigen Menschen bekannt sind. Um Ludwig Prandtls Windkanal im Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation dreht sich Folge 41.

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Eberhard Bodenschatz erläutert alten Windkanal am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation.

Quelle: Harald Wenzel

Göttingen. Mit Windkanälen gelangen dem Göttinger Wissenschaftler Ludwig Prandtl (1875-1953) bahnbrechende Entdeckungen im Bereich der Aerodynamik. Eine der Versuchseinrichtungen, die Mitte der 30er-Jahre entstand, ist bis heute im Einsatz - nun im Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation.

Wie wirkt sich die Rauigkeit von Flugzeugoberflächen beim Flug aus? Dieser für die Kriegsforschung des Dritten Reichs wichtige Frage gingen Prandtl und sein Schüler Hans Reichardt nach. Sie arbeiteten mit einem speziell für diese Untersuchungen erbauten Windkanal. Er stand im Haus 3 des damaligen Kaiser-Wilhelm-Institut in der Böttingerstraße. Gegenüber befindet sich das Felix-Klein-Gymnasium.

Prof. Eberhard Bodenschatz, der den mehrfach umgebauten Windkanal heute nutzt, staunt über den Ideenreichtum, mit dem die Wissenschaftler ihre Messungen seinerzeit durchführten. Sie verwendeten dazu unter anderem heiße Drähte. Aufgrund des militärischen Werts der Forschungen bauten die englischen Besatzer nach dem Zweiten Weltkrieg die prandtlschen Windkanäle ab und nahmen sie mit. Nur der sogenannten Rauhigkeitskanal blieb zurück. Die Max-Planck-Gesellschaft, die 1948 aus den Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hervorgegangen war, beanspruchte ihn für sich.

„1969 wurden bei einer grundlegenden Umstrukturierung des Instituts Platz für neue Geräte geschaffen“, erinnert sich der Zeitzeuge Prof. Helmut Eckelmann. Der Windkanal lagerte einige Jahre auf dem Dachboden. Dort barg ihn Eckelmann 1975. „Ich schrubbte mit einer Autobürste den Dreck herunter“, erzählt er. Mit einem amerikanischen Kollegen, James Wallace, der später Professor in Maryland wurde, und einem griechischen Wissenschaftler, Stavros Nychas, baute er die Anlage wieder auf.

Später übernahm Bodenschatz die Versuchseinrichtung. Sie steht heute im 2011 eröffneten Institutsneubau auf dem Faßberg. Der militärgraue Anstrich ist kräftigen Farben gewichen. Der 17 Meter lange Kanal verfügt nun über ein aktives Gitter“, erklärt der Professor. Mit 132 Stellmotoren lassen sich Klappen so einstellen, dass die zu untersuchenden Turbulenzen entstehen. Direkt daneben werden in einem 18 Meter langen und sechs Meter hohen Windkanal heftige Turbulenzen erzeugt, wie sie etwa bei Vulkanausbüchen entstehen. Zu den Nutzern der alten Einrichtung gehören seit vier Jahren Bachelor-Studierende der Ingenieurswissenschaften von der amerikanischen Eliteuniversität Princeton. Jeweils vier bis fünf junge Forscher leben für zwei Monate in Göttingen. „Ich will sie einige Jahre später, wenn sie ihre Doktorarbeit geschrieben haben, wieder an mein Institut holen“, erklärt Bodenschatz.

Ludwig Prandtl

Mathematiker Felix Klein holte 1904 Ludwig Prandtl als außerordentlichen Professor für Technische Physik nach Göttingen. Der Strömungsphysiker, der als Begründer der Aerodynamik gilt, errichtete dort 1907 Deutschlands ersten Windkanal. In einer solchen Versuchseinrichtung trifft eine Luftströmung, die mit einem Gebläse erzeugt und mit einer Düse beschleunigt wird, in einer Messstrecke auf ein Untersuchungsobjekt. Bis heute ist Prandtls Erfindung als Windkanal Göttinger Typs bekannt. Im Unterschied zu den von Gustav Eiffel, dem Erbauer des Eiffelturms, konstruierten Windkanälen ist der Strömungskreislauf geschlossen. Prandtl gründete 1907 die spätere Aerodynamische Versuchsanstalt, die industrienah forschte. 1925 entstand auf sein Betreiben nach jahrelangen Verhandlungen das Kaiser-Wilhelm-Institut für Strömungsforschung. 1948 wurde es ein Max-Planck-Institut, das sich 2004 in MPI für Dynamik und Selbstorganisation umbenannte.

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