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„Campus-Ansichten“: Unterirdische Gänge auf dem Göttinger Campus

Tageblatt-Sommerserie, Folge 9 „Campus-Ansichten“: Unterirdische Gänge auf dem Göttinger Campus

Die Tageblatt-Sommerserie „Campus-Ansichten“ bietet Einblicke und Ausblicke, die die Universität und Forschungsinstitute in Göttingen von Seiten zeigen, die nur wenigen Menschen bekannt sind. Um die unterirdischen Belüftungsschächte des alten Klinikums geht es in Folge 9.

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Alte Gänge des einstigen Klinikums: Betriebstechniker Christian Hemme zeigt die Anlage aus dem 19. Jahrhundert.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Ein Netz von unterirdischen Gängen verbindet die Gebäude auf dem Gelände des alten Universitätsklinikums miteinander.

Früher sorgten sie für die Belüftung der Häuser zwischen Humboldtallee und Goßlerstraße. Heute führen Versorgungsleitungen durch sie hindurch.

Der große, gelb geklinkerte Schornstein, der der Mensa am Turm ihren Namen gab, gehört zu den markanten Punkten des alten Klinikums. „Dort brannte einst ein starkes Feuer“, sagt Diplom-Ingenieur Rainer Bolli (57), Leiter der Abteilung Gebäudemanagement der Universität Göttingen. Die heiße Luft stieg durch den Schornstein nach oben.

Der so entstehende Unterdruck zog durch die mit der Feuerstelle verbundenen unterirdischen Gänge verbrauchte Luft aus den Krankenhausgebäuden. So funktionierte in dem 1896 fertiggestellten Komplex der Vereinigten Kliniken Göttingen die Lüftung.

Als die Universitätsmedizin Ende der siebziger Jahre nach Weende umzog und andere Universitätsinstitute einzogen, war das alte Lüftungssystem bereits lange aufgegeben worden. Durch die Gänge führen nun, gut zugängliche Versorgungsleitungen, etwa Strom- und Datenkabel. „Das ist bei Überprüfungen und Reparaturen praktisch“, meint Bolli. Weil der Bau eines Tunnelsystems aber teuer sei, würden solche Leitungen normalerweise in der Erde verlegt.

In den dreißiger Jahren hat das alte Klinikum ein Fernwärmenetz erhalten, dessen Rohre bis heute durch die Tunnel verlaufen. Anfangs gab es ein eigenes Heizwerk. Später übernahm ein Energieunternehmen die Versorgung. Auf einem Teil des alten Heizwerks ist das 2012 am Heinrich-Düker-Weg eröffnete Kulturwissenschaftliche Zentrum entstanden. Von dort aus sind die unterirdischen Gänge zugänglich.

Im Keller gibt es eine Tür zu einem der Heizungskeller. Von dort geht es durch eine weitere Tür in einen drei Meter hohen und ebenso breiten Gang aus Stahlbeton. Dem Besucher schlägt feuchte, warme Kellerluft entgegen. Der Beton ist an einigen Stellen abgesprungen. Rostiges Eisen ist sichtbar. Die Decke muss zum Teil abgestützt werden.

Nach 50 Metern beginnen die alten gemauerten Gewölbegänge, die etwas schmaler und niedriger, aber immer noch gut begehbar sind. Sie haben sich besser gehalten. Nur der Mörtel bröckelt aus den Fugen. Von außen drückt Grundwasser herein. Ein kleiner Abzugsgraben in der Mitte des Gangs leitet es ab. Neonröhren sorgen für fahle Beleuchtung.

„Von hier aus kommen wir in die Keller verschiedener Institutsgebäude“, berichtet Betriebstechniker Christian Hemme (46), der sich seit zweieinhalb Jahren um die Heizung und Lüftung kümmert. Zum Teil lassen sich die Türen aber nur vom jeweiligen Gebäude aus öffnen. Viele Gänge sind zugemauert. Zum Teil verengen sie sich, dass es nur auf allen vieren weitergeht. Selbst Bolli weiß nicht, wohin sie führen.

„Wir machen hier unten alle zwei Monate Kontrollgänge“, erzählt Hemme. Die Betriebstechniker gehen immer mit Begleiter. „Wenn einer einen Unfall hat, findet einen so schnell niemand“, erklärt Hemme. Handyempfang gibt es keinen. Höchstens eine Ratte oder ein Marder verirren sich nach hier unten.

In den neunziger Jahren war das noch anders. Davon zeugen Graffitti mit Jahresangaben: Darunter auch die Nachricht, dass eine Manuela jeden Sonnabend in der Königsberger Straße eine Party schmeißt.

Von Michael Caspar

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