Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Dauerausstellung mit Gruselfaktor

Medizinhistorisches Museum Ingolstadt Dauerausstellung mit Gruselfaktor

„Gott sei dank, leben wir heute“, sagen viele Besucher beim Verlassen des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt. Dass der Fortschritt auch Schattenseiten hat, soll bei der Neugestaltung der Dauerausstellung berücksichtigt werden, kündigt Leiterin Prof. Marion Maria Ruisinger an.

Voriger Artikel
Göttinger Physiker erhält Auszeichnung
Nächster Artikel
Blasenentzündungen heilen ohne Antibiotika

Das Museum in Ingolstadt, das im repräsentativen Barock-Gebäude der Alten Anatomie untergebracht ist, erhält einen großen Anbau.

Quelle: EF

Göttingen. Derzeit wird in Ingolstadt kräftig gebaut. Das Museum, das im repräsentativen Barock-Gebäude der Alten Anatomie untergebracht ist, erhält einen großen Anbau. Weil sich damit auch die Art, wie Besucher durchs Haus geführt werden, ändert, muss die alte Dauerausstellung neu arrangiert werden. „Über das Konzept diskutieren wir derzeit lebhaft“, berichtet Ruisinger während der Ringvorlesung „Wissensort Museum“ in Göttingens Paulinerkirche. 2016 wird der Anbau, 2017 die neue Dauerausstellung eröffnet.

In vielen Städten Europas werden zur Zeit die medizinhistoirschen Sammlungen neu aufbereitet. Die Referentin spricht von einer Unzufriedenheit, wie die Geschichte der Medizin bisher erzählt worden ist. Das Museum in Ingolstadt gibt es seit 1973. Als Ruisinger die Leitung 2008 übernahm, konzentrierte sie den Fokus auf die Medizingeschichte von der Frühen Neuzeit, die noch von der griechisch-römischen Antike geprägt war, bis zur Entstehung der modernen naturwissenschaftlichen Medizin im 19. Jahrhundert.

So stehen Besucher in Ingolstadt wohlig-schaudernd vor den Geräten, mit denen einst Patienten zur Ader gelassen wurden, und vor Zangen zum Ziehen kaputter Zähne. Mit dem beruhigenden Gefühl, dass heute alles besser ist, verlassen sie das Haus. Ruisinger und ihre Kollegen wollen solche bequemen Gewissheiten hinterfragen, das Publikum aber auch nicht verstören.

„Ärzte sind nur Menschen“, betont Ruizinger, die selbst Fachärztin ist. Unter gewissen Rahmenbedingungen neigten Mediziner zum Missbrauch ihrer Macht. Das Dritte Reich biete dafür Beispiele. Medizinhistoriker befassten sich heute auch mit anderen kritischen Aspekten. Nicht jeder Mensch habe den gleichen Zugang zu medizinischer Hilfe. Im Medizinbetrieb existierten Hierarchien. Seit dem 19. Jahrhundert stoße die Schulmedizin immer wieder auch auf Ablehung, etwa von Seiten der Lebensreformer.

Nächster Termin

Über "Musealisierung der Migration. Fallstricke und Potenziale" spricht Prof. Sabine Hess am Dienstag, 12. Januar, um 18.15 Uhr in der Aula am Wilhelmsplatz

Im Zuge der Neukonzeption wollen die Ingolstädter zudem den Bereich Medizintechnik, der 2008 eröffnet worden ist, umgestalten. Die Art der Präsentation von Lasern und Geräten, die Nierensteine mit Stoßwellen zertrümmern, fand in der eigentlich technikinteressierten Autostadt kaum Anklang. Ruisinger plant, Ärzte und Patienten, die mit den Geräten zu tun haben, in den Blick zu nehmen.

Erstmals könnte das Museum ein Frankensteinzimmer erhalten. Die englische Schriftstellerin Mary Shelley ließ ihren Roman, in dem der junge Arzt Frankenstein einen künstlichen Menschen erschafft, in Ingolstadt spielen. „Besucher fragen immer wieder danach“, so die Direktorin. Ihr gehe es nicht um Geisterbahn-Effekte, sondern um das Problem menschlicher Hybris in der Medizin.

Von Michael Caspar

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Uni Göttingen begrüßt zum #unistartgoe Studienanfänger