Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Universität Göttingen sucht Nachfolger für Parteienforscher Walter
Campus Göttingen Universität Göttingen sucht Nachfolger für Parteienforscher Walter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:30 10.03.2018
Göttinger Institut für Demokratieforschung. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

Das Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen ist nach Ansicht von Studierenden und Universitätsangehörigen bedroht. Auf dem Campus ist die Rede von einer Neuausrichtung mit anderem Themenschwerpunkt. Die Georgia Augusta teilt mit, „das Präsidium beschäftigt sich zurzeit mit der Frage der Nachbesetzung der Professur von Franz Walter.“

Parteienforscher Franz Walter: Seit 2017 ist er im vorzeitigen Ruhestand. Quelle: Christoph Mischke

Im Jahr 2010 eröffnete die Universität Göttingen das Institut für Demokratieforschung unter der Leitung des Parteienforschers Franz Walter. Er hat mit vielen seiner Beiträge und Bücher zu Parteien und Politik in Deutschland die Diskussion in Wissenschaft, Politik und Medien bestimmt. Seit Oktober 2017 ist Walter im vorzeitigen Ruhestand. Er hat das Institut nach Angaben von Mitarbeitern zum „in Deutschland am besten ausgestatteten politikwissenschaftlichen Institut gemacht“ mit einer jährlichen Drittmittelförderung von etwa 1 Million Euro.

Dass das Institut seinen bisherigen Arbeits- und Forschungsschwerpunkt möglicherweise nicht fortsetzen soll, wird seit Ende Februar vermutet: Seitdem sind neue Forschungsaufträge nicht mehr anzunehmen, sollen Arbeitsverträge nicht neu abgeschlossen oder verlängert werden. Die vorherigen Bemühungen des Teams, die Walter-Professur mit einer Junior-Professur zu besetzen, fanden keine Zustimmung in den universitären Gremien.

„Themen, die zum realpolitischen Geschehen passen“

Die Studierenden des Studienschwerpunktes „Demokratie und gesellschaftliche Konflikte“ haben die Fakultät für Sozialwissenschaften inzwischen darauf hingewiesen, dass sie eine Erhaltung des Instituts für erforderlich halten „mit aktuellen Themen, die zum realpolitischen Geschehen passen.“ Nur so könne der bei Studierenden beliebte Studiengang in der bisherigen Form fortbestehen.

Ob künftig das realpolitische Geschehen, dass Forschungsmittelpunkt des Instituts in der Villa Stich am Rande des Zentralcampus ist, noch die Hauptrolle spielt, wird derzeit auf dem Campus in Frage gestellt, weil die Universitätsleitung nach Informationen von Institutsangehörigen eine Professur zum Thema Geschichte des 19. Jahrhunderts einzusetzen plant. Es soll sich um eine Humboldt-Professur handeln, die über fünf Jahre über die Alexander von Humboldt-Stiftung finanziert wird.

Förderung vom Land Niedersachsen

Auch das Institut von Franz Walter erhält zusätzlich zur Uni-Ausstattung eine Förderung vom Land Niedersachsen, vereinbart mit dem damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU). Dieses Geld darf nach Ansicht des CDU-Bundestagsabgeordnetes Fritz Güntzler nicht zweckentfremdet werden. Bei einem Gespräch mit Institutsangehörigen erklärte der Politiker, der Mitglied des Niedersächsischen Landtages war, am Mittwoch, er sehe weiterhin den Bedarf des Instituts für Demokratieforschung, „wir brauchen es in vielen Fragestellungen“.

Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Wissenschaft

Das Institut für Demokratieforschung wurde 2010 von der Universität Göttingen gegründet. Unter der Leitung des Parteienforschers Franz Walter nahm es am 1. März seine Arbeit auf mit Sitz in der Villa Stich an der Weender Landstraße: „Das Institut fungiert als Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Forschungsergebnisse sollen der interessierten Öffentlichkeit vermittelt werden, umgekehrt aber auch Fragen der Gesellschaft die politische Wissenschaft zu neuen Studien anregen. (…) Mit dieser Ausrichtung ist das Institut für Demokratieforschung derzeit einzigartig in Deutschland“, teilte die Universität im Februar 2010 mit. Seitdem hat das Institut für Demokratieforschung mehr als 200 Lehrveranstaltungen angeboten. Die Publikationsliste der vergangenen drei Jahre umfasst mehr als 90 Titel.

Güntzler kündigte an, über die Förderung mit Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) zu sprechen. „Ich sehe die Gefahr, dass eine thematische Neuausrichtung des Instituts nicht mehr dem damaligen Förderzweck entspricht.“

60 Stellen am Institut für Demokratieforschung

„Uns ist es wichtig, dass unser Arbeitsschwerpunkt erhalten bleibt“, sagt eine Mitarbeiterin des Instituts für Demokratieforschung, an dem mit studentischen Hilfskräften 60 Stellen sind: Die ersten Kolleginnen und Kollegen „gehen in zwei Wochen, weil ihre Arbeitsverträge enden“.

Die Universität teilte in einem ersten Statement zu dem Sachverhalt am Mittwoch mit: „Zu individuellen Vertrags- und Personalangelegenheiten können wir als Arbeitgeber keine öffentliche Auskunft geben. Wir versichern aber, dass alle Qualifikationsstellen bis zum Abschluss der Qualifikationsarbeit verlängert werden. Die Nachwuchsförderung ist eine wichtige Aufgabe der Universität Göttingen.“

Kommentar: Strategische Fragen

Der Parteienforscher Franz Walter ist kein unbekannter Politikwissenschaftler, der im Stillen forscht. Er hat sich früh einen Namen gemacht als streitbarer Geist. Das Institut für Demokratieforschung ist unter seiner Leitung für Nachwuchswissenschaftler und Politikwissenschaftler ebenso eine angesagte Adresse geworden wie für politische Institutionen und Politiker mit Beratungsbedarf. Die meisten Studienergebnisse der Göttinger Demokratieforscher brachten und bringen auch die Georg-August-Universität ins Gespräch – nicht zum Nachteil.

Wird so ein Institut von der Universitätspräsidentin aufs Spiel gesetzt? Bringt das Vorteile für die Universität mit Blick auf den Erfolg bei der Exzellenzinitiative oder bei der Anwerbung einer für Universitäten attraktiven Humboldt-Professur, die an ausländische Wissenschaftler vergeben wird? Solche strategischen Fragen müssen Uni-Chefs stellen, erörtern und beantworten. Das Ergebnis kann für die Beteiligten unerfreulich und überraschend sein. Nachdenklich stimmen die Vorgaben für das Team im Zuge des Nachbesetzungsverfahrens. Das hat auf dem Campus für Verunsicherung gesorgt und heizt die Diskussion an, das Walter-Institut habe keine Zukunft. Wenn das Präsidium der Georgia Augusta gerade auf ein neues, anderes Winning Team setzt, muss es dazu stehen und die Katze aus dem Sack lassen. jes

Von Angela Brünjes

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mit einem Vortrag über den Klimawandel und seine möglichen Auswirkungen ist am Dienstag die Vortragsreihe „Faszinierendes Weltall“ zu Ende gegangen. Professor Harald Lesch wagte mit seinen gut 900 Zuhörern im voll besetzen Saal 011 des ZHG der Uni Göttingen einen Blick in die Zukunft.

13.03.2018
Göttingen Ausgeblüht: Göttinger Titanwurz - Das schlaffe Ende

Viele Tage hat er für Freude gesorgt, jetzt ist der Kolben der Titanwurz erschlafft: Die Blüte im Alten Botanischen Garten liegt danieder.

07.03.2018
Göttingen Studie von Göttinger Wissenschaftlern - Landwirtschaft muss Artenschutz nicht belasten

Landwirtschaft muss nicht zu Lasten des Naturschutzes gehen – Planung macht es möglich. Zu diesem Ergebnis sind Wissenschaftler der Universität Göttingen, des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der Universität Münster gekommen.

07.03.2018