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Der Reiz der Hi-Hat-Beats

Dosierte Unregelmäßigkeit Der Reiz der Hi-Hat-Beats

Fraktale sind unregelmäßige, sich wiederholende Gebilde. Fraktale Muster sind zutiefst menschlich – jedenfalls in der Musik. Das hat ein Team um Forscher des Göttinger Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) und der Harvard University in Cambridge, Massachusetts im Spiel des Toto-Schlagzeugers Jeff Porcaro festgestellt.

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Beschleunigen und verzögern: Sein Hi-Hat-Spiel war etwas Besonderes: Jeff Porcaro.

Quelle: EF

Göttingen. Die Forscher haben sowohl im Rhythmus als auch in der Lautstärke seiner Schläge auf die Hi-Hat selbstähnliche Muster gefunden, deren Strukturen in längeren Zeitabschnitten den Strukturen kürzere Zeitintervalle ähneln. Menschen bevorzugen offenbar genau diese Art von Variationen: Völlig präzise oder rein zufällig variierte Schläge empfinden sie als weniger angenehm.

 
Jeff Porcaro (1954 bis 1992) brachte es zu einigem Ruhm: Der US-amerikanische Schlagzeuger war Gründungsmitglied der kalifornischen Rockgruppe Toto und spielte daneben auch mit vielen anderen Stars der Branche – darunter Pink Floyd, Michael Jackson, Madonna und Frank Sinatra. Berühmt war er für sein charakteristisches Einhand-Spiel auf der Hi-Hat, einem Becken-Paar, das besonders hohe Töne produziert.

 
Das Wissenschaftlerteam wollte anhand des Songs „I Keep Forgettin‘“ herausfinden, was genau den Reiz von Porcaros Spiel ausmacht. „Er enthält ein berühmtes Muster aus Sechzehntel-Noten und eine große Menge von Hi-Hat-Beats, die wir im Millisekunden-Bereich analysieren konnten“, begründet Holger Hennig, der am MPIDS  und an der Harvard University forscht, die Wahl. Der Physiker spielt in seiner Freizeit Klavier und afrikanische Trommel und hatte schon zuvor fraktale Muster in Musik entdeckt. Mit seinem Kollegen Esa Räsänen aus Tampere – selbst leidenschaftlicher Schlagzeuger – fiel der Entschluss, sich die Hi-Hat-Beats von Porcaro etwas genauer anzusehen.

 
Dazu analysierten sie die digitalen Daten, wobei sie zuerst die verschiedenen Instrumente trennen und Porcaros Schläge auf die Hi-Hat mit einem selbst entwickelten Verfahren detektieren mussten. „Mit seiner Hilfe können wir in Zukunft auch die Besonderheiten des Timings und der Lautstärke-Dynamik anderer virtuoser Meister untersuchen“, so Hennig. Es stellte sich heraus, dass Porcaros Beats sowohl beim Rhythmus als auch bei der Lautstärke ein typisches fraktales Muster aufweisen. „Sie gleichen sich auf verschiedenen Zeitskalen – genauso wie eine Küstenlinie auf unterschiedlichen Längenskalen ähnlich aussieht“, erklärt Hennig.

 
Verschiedene Zeitskalen sind unterschiedlich lange Zeiträume, beispielweise ein Intervall von mehreren Minuten und eines von einigen Sekunden.  „Porcaros Muster sind auf mehreren Ebenen zu erkennen, beginnend bei zwei Takten bis hin zum gesamten Stück.“ Beim Rhythmus beschleunigt und verzögert Jeff Porcaro in wenigen Takten also nach demselben Muster wie über das ganze Stück gesehen. Allerdings sind die Variationen beim Timing und bei der Lautstärke nicht analog – wahrscheinlich, weil sie an unterschiedlichen Stellen im Gehirn entstehen.

 
Hennig ist überzeugt: „Die fraktalen Muster sind Teil der Magie von Porcaros Spiel.“ In diese Richtung deuten auch frühere Untersuchungen zur Musik, die er zusammen mit Theo Geisel, Direktor am MPIDS, vorgenommen hat: Menschen erkennen intuitiv, ob ein Rhythmus von einem Musiker oder von einer Maschine stammt – selbst wenn ein Randomizer dafür sorgt, dass der maschinelle Drummer bei jedem Schlag ein wenig vom präzisen Muster abweicht. eb

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