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Der terroristische Akt zur Erzeugung von Bildern

Medienwissenschaft Der terroristische Akt zur Erzeugung von Bildern

Jahrhundertbilder und ihre gestaltende Rolle in der Geschichte waren am Mittwoch im Sterntheater Thema von Prof. Gerhard Paul, Universität Flensburg. Der Vortrag an ungewöhnlichem Ort bildete den öffentlichen Teil der erstmals veranstalteten Summer School der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften Göttingen (GSGG).

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Quelle: dpa

Bilder sind mehr als eine bloße Repräsentation der Geschichte. Oft sind sie Akteure des Geschehens.“ Diese Kernaussage illustrierte der Historiker zunächst anhand des auch an der Kinoleinwand überlebensgroßen, offiziellen Mao-Porträts, das heute noch am Tor zur verbotenen Stadt in Peking hängt. „Das Bild erfüllt wesentliche Konventionen an ein Herrscherporträt.“ So werde aus dem Bild eine Blickbeziehung aufgebaut, die den Betrachter zur Teilhabe auffordert. Zugleich seien Betrachter und Porträt jedoch nie auf Augenhöhe. Der Verzicht auf identifizierbare Hintergründe betone etwas Gottgleiches. Diesbezüglich habe das Porträt einen hybriden Charakter: Mao wirke göttlich und – beispielsweise aufgrund seiner schlichten Kleidung – gleichzeitig menschlich.
„Das Mao-Porträt wurde auch zur Ikone der Studentenproteste der 68er-Generation. Auf Demonstrationen wurde es wie eine Monstranz mitgeführt – das Bild des milde lächelnden Diktators“, so Paul. Nahezu zeitgleich produzierte Andy Warhol jedoch mehr als 2000 farbliche Verfremdungen und reduzierte es damit auf die Bedeutung einer beliebigen Massenware. „Heute wird Mao auch von chinesischen Künstlern als Gestaltungselement verwendet, hängt jedoch trotz der offiziellen Abkehr der Regierung vom Mao-Kult nach wie vor auf dem Platz des himmlischen Friedens.“

Napalm-Mädchen

Noch deutlicher wird der aktive Beitrag eines Bildes, das zur Ikone wird, anhand des so genannten „Napalm-Mädchens“. Kim Phuc wird im Sommer 1972 von dem amerikanischen Reporter Nick Ut fotografiert, als sie weinend mit furchtbaren Brandwunden vor einem Napalm-Angriff flieht. „Die Bombe war damals von den südvietnamesischen Truppen abgeworfen worden“, so der Historiker. Am nächsten Tag sei das Bild auch im korrekten textlichen Kontext in einer amerikanischen Tageszeitung erschienen.
Noch im selben Jahr begann jedoch im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf die Entkontextualisierung. „Es wurde zur unwidersprochenen Tatsache, dass es die amerikanischen Truppen waren, die die Bombe geworfen hatten. Das Bild wurde nach und nach zur Ikone der Friedensbewegung.“ So sei es auch nicht hinterfragt worden, als irgendwann der amerikanische Offizier John Plummer sich dazu bekannte, er habe den Abwurf angeordnet.

Falscher Kontext

Wiederum ins Foto gebannt wurde die Szene, als die mittlerweile erwachsene Kim Phuc ihm verzieh. Sie wurde wenig später dieser Geste wegen zur Friedensbotschafterin der Unesco berufen. „In Guido Knapps Buch „Bilder des Jahrhunderts“ ist Plummer dann sogar zum Piloten des Bombers avanciert. Die mediale Verselbstständigung des Bildes und der damit verbundene historisch falsche Kontext ist nicht mehr aufzuhalten.“
Das dritte „Bild“, mit dem Paul seine These illustriert, ist eigentlich eine Bildsequenz, nämlich die des Einschlages des zweiten Flugzeugs im New Yorker World Trade Center am 11. September 2001. „Hier wird das Bild selbst zur Tat“, so Paul. Der terroristische Akt zur Erzeugung von Bildern für die globale Berichterstattung sei Ausdrucksform der militärisch Unterlegenen im modernen Bilderkrieg. „Der Echtzeitterrorismus soll die Zuschauer weltweit in das Ereignis mit einbeziehen. Nahezu niemand konnte an 9/11 und den Tagen danach den Bildern ausweichen. Aus den Betrachtern wurden gleichsam virtuelle Komplizen.“
Seitens der Medien werde „das Bild als Waffe“ nur selten hinterfragt. Beispielsweise habe die Berliner „taz“ einmal eine weiße Fläche gedruckt und diese kommentiert: „Es gibt eine Grenze. Wenn das Foto zur Waffe wird, verbietet sich dessen Abdruck.“

Von Heike Jordan

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