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Göttingen „Deutschland schuld an Euro-Krise“
Campus Göttingen „Deutschland schuld an Euro-Krise“
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18:18 01.12.2018
Heiner Flassbeck spricht über "Zehn Jahre nach der Finanzkrise" in der Paulinerkirche. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Heiner Flassbeck, für kurze Zeit Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen unter Minister Oskar Lafontaine (damals SPD), bürstete gleich zu Beginn seines Auftritts am Freitagabend in der Paulinerkirche das Gros der deutschen Wirtschaftswissenschaftler, -politiker und -journalisten kräftig ab. Nichts hätten sie verstanden, nichts begriffen von den eigentlichen Gründen für die Finanz- und Eurokrise(n) der vergangenen Jahrzehnte. Flassbecks Kernthese: Die Krise sei mitnichten überwunden, die Hauptschuld daran trage Deutschland.

Wie das? Flassbeck ist überzeugt, dass sich Deutschland durch seine langen Jahre der Lohnzurückhaltung – in Flassbecks Worten „Lohndumping“ - nicht nur einen unfairen Wettbewerbsvorteil verschafft habe, sondern durch den Versuch, den eigenen Sparzwang auch anderen Ländern aufzuzwingen, in den Ruin treibt. Der ehemalige Chefvolkswirt der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung nannte als Beispiel Griechenland, dem „Land mit dem flexibelsten Arbeitsmarkt überhaupt“: Dem Land sei eine massive Lohnsenkung aufgedrückt worden, die Löhne seien innerhalb kurzer Zeit um 30 Prozent zurückgegangen.

„Lohnsenkung vernichtet Arbeitsplätze“

Das Konzept der laut Flassbeck „Mainstream-Ökonomen“ dabei: Die Löhne gehen runter, wegen niedrigerer Lohnkosten stellen die Firmen mehr Arbeitskräfte ein, die Wirtschaft wächst, bald gibt es Vollbeschäftigung, und alles ist gut. „Alles Quatsch“, meinte Flassbeck dazu. Die tatsächliche Kausalkette laute: 30 Prozent geringere Löhne, dadurch 30 Prozent weniger Nachfrage, daher 30 Prozent Beschäftige überflüssig, die dann ihren Job verlieren. Genau das sei in Griechenland geschehen. Flassbecks Fazit: „Lohnsenkung vernichtet Arbeitsplätze. Wer Löhne senkt, verdrängt die anderen.“ Und: „Märkte produzieren falsche Preise.“ Die Vorstellung, dass bei sinkenden Löhnen so viel mehr Beschäftigung entstehe, dass der Nachfrageeffekt nicht beeinträchtigt werde, sei schlicht falsch.

Die Anpassung der Löhne nach unten habe die europäischen Krisenländer destabilisiert, meinte Flassbeck. Fatal dabei sei, dass die Länder der Euro-Zone über seine eigene Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr selbst über das Mittel der Abwertung der eigenen Währung bestimmen könne.

Illusionen der Währungspolitik

Ähnliche Illusionen gebe es in der Währungspolitik, meinte Flassbeck. Vor allem die Idee, der freie Markt könne die Währungskurse sinnvoll und effektiv regeln. Hier richtete der rebellische Ökonom seinen Blick auf Brasilien. Leidend unter einer schweren Wirtschaftskrise, hätte das Land eine Abwertung seiner Währung Real gebraucht. Stattdessen habe unter dem Etikett „Emerging Markets“ eine Nachfrage nach dem Real eingesetzt, die den Kurs der brasilianischen Wertung nach oben drückte. Die so geweckten Gewinnaussichten hätten die Nachfrage noch weiter angeheizt. Resultat: Der derart aufgewertete Real entwickelte sich zum Gift für die Wirtschaft des Landes. Auch in anderen Ländern sei zu beobachten, „dass die Währungen von Spekulanten in die falsche Richtung getrieben werden“. Und: Zinsen und damit Währungskurse „werden nicht vom Markt bestimmt, sondern von den Notenbanken“. Die Idee eines Marktzinses sei „eine Illusion“.

Die USA würden es sich nicht auf Dauer gefallen lassen, dass die Europäer permanent sparen und sich so Wettbewerbsvorteile verschafften. Es müsse eine Balance von Sparen und Schuldenmachen geben. Daher machten es die USA richtig, wenn sie Defizite anhäufen: „Es muss einer Geld ausgeben, das er nicht hat, sonst bricht die Welt zusammen.“

Von Matthias Heinzel

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