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Göttingen Diskussion: Wie lässt sich Vertrauen in Wissenschaft stärken?
Campus Göttingen Diskussion: Wie lässt sich Vertrauen in Wissenschaft stärken?
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15:46 06.04.2018
Bereits beim 1. Science for March in Göttingen versammelten sich zahlreiche Menschen für die Wissenschaft. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Die Veranstaltung mit dem Titel „wissen schafft vertrauen“ findet am Sonntag, 8. April, um 15.30 Uhr in der Universitätskirche St. Nikolai, Nikolaikirchhof 1, statt.

Mit dem March for Science wurde 2017 ein wichtiges Zeichen gegen die Einschränkungen der Freiheit der Wissenschaft gesetzt und die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft betont. Zehntausende gingen dafür auf die Straße. Dieses Jahr folgt die Neuauflage, da man in der Wissenschaft erkannt hat, dass man sich viel stärker der eigenen Rolle in der Gesellschaft bewusst werden und diese nach außen vertreten muss. In Göttingen sammelt sich der Zug ab 10 Uhr am Gänseliesel, um 11 Uhr beginnt der March vom alten Markt zum Campus der Uni.

Wir haben die an der Podiumsdiskussion teilnehmenden Wissenschaftler vorab um ihre Meinung gebeten, was der Ruf nach „Vertrauen in die Wissenschaft“ eigentlich für Wissenschaftler und das Wissenschaftssystem bedeutet. Hier sind ihre Antworten:

Prof. Tanja Baudson, Universität Luxemburg, Mit-Initiatorin des March for Science Deutschland

„Vertrauenswürdige Wissenschaft ist kompetent – und so wird sie zu Recht wahrgenommen. Problematischer sieht es bei der Integrität, dem zweiten Kriterium für Vertrauen, aus. Insbesondere die Abhängigkeit von Geldgebern wird als wichtigster Grund genannt, weshalb man der Wissenschaft misstrauen sollte – und genau diese sogenannten Drittmittel sind eins der zentralen Kriterien, an denen sich der Wert von Forschern bemisst. Ob ein Gegenüber wohlwollend ist – das dritte Kriterium –, lässt sich im Kontakt feststellen. Wer seine Forschung nach außen kommuniziert, tut dies zu Lasten anderer, karriereförderlicherer Aktivitäten.

Tanja Baudson. Quelle: r

Für eine stärkere Öffnung nach außen braucht es also Anreize. Wissenschaftskommunikation könnte etwa ein relevantes Kriterium bei Drittmittelanträgen, Stipendien oder ähnlichem werden – wenn die Öffentlichkeit versteht, wozu das Geld gebraucht wird, trägt das sicherlich zu mehr Vertrauen bei. Wer das nicht kann oder will, muss das in anderen Bereichen kompensieren.“

Prof. Stephan Herminghaus, Direktor am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation

„Das wichtigste Produkt des Wissenschaftsbetriebs sind die vielen jungen Leute, die dort lernen, auch in komplexen Zusammenhängen gute Fragen zu stellen. Diese Menschen gehören zu den wichtigsten Garanten des gesellschaftlichen Wohlstands. Weshalb es auch richtig und sinnvoll ist, dass die Wissenschaft Steuermittel erhält. Dafür ist das Vertrauen der Gesellschaft aber Voraussetzung. Wissenschaft ist auf das Vertrauen der Gesellschaft angewiesen.

Stefan Herminghaus Quelle: Wehking

Auch bei den großen Themen unserer Zeit, etwa der Frage, wie wir ein nachhaltiges Bewohnen unseres Planeten organisieren können, spielt das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft eine große Rolle, ist es doch das einzig wirksame Mittel gegen die markigen Sprüche der Populisten. Wir Wissenschaftler sind in der Pflicht, dieses Vertrauen wertzuschätzen und zu pflegen. Wir müssen dazu unsere eigenen Warnsysteme in Schuss halten, beispielsweise um Betrug in unseren eigenen Reihen vorzubeugen. Denn Vertrauen ist eine zarte Pflanze, und einmal zerstörtes Vertrauen ist nur mit viel Mühe wieder zu gewinnen.“

Aneke Dornbusch, Promotionsstudentin im Fach Evangelische Theologie und ehrenamtlich in der Evangelischen Studierendengemeinde tätig

„Die Frage nach dem Vertrauen in die Wissenschaft stellt sich für die Theologie ganz besonders. Der wissenschaftliche Status unseres Fachs wird immer wieder in Frage gestellt – sowohl innerhalb der Universität als auch außerhalb. Hinterfragt wird dabei, ob universitäre Theologie überhaupt zur Trennung von Staat und Kirche passt und ob sie der gesamten Gesellschaft nützt.

Aneke Dornbusch. Quelle: r

Dabei gibt es aktuell eigentlich ein großes Potenzial für theologische Inhalte in öffentlichen Debatten, sei es bei ethischen Diskursen, wie zum Beispiel zur Sterbehilfe, oder bei der Frage nach dem Zusammenhang von Christentum und europäischer Kultur. Wie alle anderen Wissenschaften stehen auch wir vor der Aufgabe, uns einzubringen und unsere Forschung interessant und verständlich zu präsentieren. Gerade die wissenschaftliche Theologie zeigt nämlich, dass sich Religion, Aufklärung und Wissenschaft nicht ausschließen.“

María Ximena Ordóñez, wissenschaftliche Mitarbeiterin, von der Katholischen Hochschulgemeinde

„Naturwissenschaftler können das Vertrauen in die Wissenschaft durch eine stärkere Präsenz in der Öffentlichkeit verbessern. Durch Dialog und Aufklärung können sie die Falsch- und Fehlinformationen unmittelbar bekämpfen.

Ximena Ordonez. Quelle: r

Die Mehrheit der Verbreiter von Fake News verfolgen politische Ziele, sodass die Naturwissenschaftler mit der Herausforderung konfrontiert sind, am politischen Dialog teilzunehmen, ohne die Wertfreiheit der Wissenschaft zu verlieren. Weil die Naturwissenschaften eine soziale Praxis sind, unterliegen sie auch außerwissenschaftlichen Einflüssen. Die Verbreitung dieses Bewusstseins durch Naturwissenschaftler erzeugt mehr Vertrauen in die Wissenschaft. Naturwissenschaftler mit soliden Kenntnissen in Wissenschaftstheorie, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie (insbesondere Epistemologie und Ethik) sind für diese Aufgabe besser vorbereitet und können somit die sozialen Prozesse der wissenschaftlichen Weiterentwicklung zusammen mit anderen Akteuren der Öffentlichkeit mitgestalten.“

Von Sven Grünewald

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