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Ein gewisses Spiel mit der eigenen Identität

Mittelalterforschung Ein gewisses Spiel mit der eigenen Identität

Kleidung hat heute einen hohen Einfluss, wenn es darum geht, Identität und Selbstwertgefühl widerzuspiegeln. Aber war das schon früher so? Oder handelt es sich um ein modernes Phänomen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Münchner Historiker Dr. Jan Keupp in seiner Habilitationsarbeit, deren Problemfelder er in Göttingen vorstellte.

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Kleider geben Autorität: Hans Holbein d. J. malte 1532 den Danziger Hansekaufmann Georg Gisze.

Quelle: EF

Was es nach seinen Forschungen mit dem Thema „Die Wahl des Gewandes. Kleidung und Identität im Mittelalter“ auf sich hat, erläuterte Dr. Jan Keupp in einem Vortrag in Göttingen. Anhand von Literatur, vor allem aus dem Hoch- und Spätmittelalter verdeutlichte Keupp wesentliche Aspekte von Kleidung und Selbstbild in der mittelalterlichen Gesellschaft. Eine hohe Autorität schrieb der Wissenschaftler dabei Äußerlichkeiten wie der Kleidung zu. 

Viele kleidungsbezogene Konventionen werden in den dichterisch zugespitzten Geschichten der Zeit deutlich, aber auch immer wieder Ausbruchsmöglichkeiten, etwa bei Franz von Assisi oder Dantes Besuch beim Neapolitanischen König.

Die Wahl anderer als der erwarteten Kleidung eröffnet dann auch plötzlich andere Handlungsmöglichkeiten. Diesen Sinn für das Mögliche und damit für ein gewisses Spiel mit der eigenen Identität hat Keupp ebenfalls bereits im Mittelalter ausgemacht; wenn natürlich auch mit deutlich weniger Gestaltungsspielraum und Ausprägungen, als sie moderne Gesellschaften bieten.

Verlust der Kleidung

Kaum anders als heute scheint der Prozess bei den Menschen im Mittelalter gewesen zu sein: Die Selbstverortung, das Selbstbild, letztlich die Identität des Einzelnen entsteht aus der Relation zu anderen Personen im eigenen Umfeld. Die Kleidung bildet dabei quasi den Kulminationspunkt der Erwartungen, die an eine Person gestellt werden, im Mittelalter meist abhängig von ihrem Stand in der Gesellschaft oder ihrem Amt. 

Der Verlust der Kleidung, etwa durch Raub, lässt in den Geschichten und Anekdoten die Figuren sofort auch an ihrer Identität zweifeln. Kleider machten also scheinbar auch im Mittelalter Leute, sowohl aus der Sicht der anderen als auch in der Selbstwahrnehmung.

                                                                                                 Von Isabel Trzeciok

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