Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / -2 ° wolkig

Navigation:
„Ein großes Glück und Privileg“

Kai Sina im Interview „Ein großes Glück und Privileg“

Fritz-Behrens-Preisträger Kai Sina über seine Arbeit und ihre Bedeutung für die Gesellschaft.

Voriger Artikel
Kaufleute und Wirtschaft zur Hansezeit
Nächster Artikel
1962 Zuwachs aus Wilhelmshaven erhalten

Fritz Behrens.

Quelle: r

Herr Sina, für Ihre literaturwissenschaftliche Forschung haben Sie nun den Fritz-Behrens-Preis erhalten. Sie haben sich intensiv mit den transatlantischen Literaturbeziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt und damit Autoren wie Emerson, Whitman oder Thomas Mann behandelt. Was hat das heute mit uns zu tun?

Erstaunlich war für mich die Erkenntnis, wie stark die historische Entwicklung der westlichen, der liberalen und offenen Welt gerade an den literarischen Austausch gebunden war, diesseits wie jenseits des Atlantiks. Es scheint mir gerade angesichts der gegenwärtigen Situation - mit ihren populistischen Tendenzen - nicht unerheblich, diese Tradition auch wissenschaftlich wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. In meiner Forschung lässt sich sehen, dass Kulturen sich nur dann weiterentwickeln, wenn sie im Austausch miteinander stehen und bereit sind, voneinander zu lernen.

Inwiefern ist das für die literaturwissenschaftliche Forschung relevant?

Weil solche Fragen bisher noch nicht wirklich befriedigend beantwortet worden sind. Gerade die Germanistik wird immer noch häufig als reine Nationalphilologie betrieben. Viele hochinteressante Konstellationen der internationalen Literaturgeschichte sind dadurch unbearbeitet geblieben.

Welche Bedeutung hat eine Auszeichnung wie der Fritz-Behrens-Preis für Sie?

Für mich ist der Preis Bestätigung und Ermutigung zugleich. Er wird mir in den kommenden Jahren vieles ermöglichen und vereinfachen: Ohne erst große Förderanträge stellen zu müssen, kann ich Workshops veranstalten, Buchprojekte realisieren oder Archivreisen unternehmen. Ein großes Glück und Privileg.

Welche Projekte genau werden das sein?

Zum einen will ich ein kleines Forschernetzwerk ins Leben rufen, das sich mit Fragen der transatlantischen Literatur- und Ideengeschichte befassen wird. Ein größeres Tagungsprojekt soll der Erforschung des „Nachlassbewusstseins“ von Autoren gelten, ebenfalls in komparatistischer Hinsicht.

Was fasziniert Sie an der Nachlassforschung?

Der Schriftstellernachlass ist ein zentraler Gegenstand nicht nur der Literaturwissenschaft, sondern unserer Kultur im Ganzen: Es werden teils hohe Summen an öffentlichen Mitteln darauf verwandt, die hinterlassenen Briefe, Handschriften und Notizen eines Autors zu erwerben. Wie es eigentlich dazu gekommen ist, dass wir diesem Gegenstand eine derart hohe Relevanz beimessen, wie sich also ein kulturelles „Nachlassbewusstsein“ herausgebildet hat - darum geht es in diesem Projekt.

Sie arbeiten am Lehrstuhl von Heinrich Detering, einem der wenigen Literaturwissenschaftler, die über den akademischen Bereich hinaus Bekanntheit erreicht haben. Inwieweit hat Sie das beeinflusst?

Er hat mir gezeigt, dass die Literaturwissenschaft nie den Kontakt zur literaturinteressierten Öffentlichkeit verlieren sollte. Deshalb veröffentliche ich auch in Publikationskontexten, die nicht rein wissenschaftlich sind, im Feuilleton der Zeitung etwa. Das wiederum zwingt mich zu einer möglichst klaren und jargonfreien Schreibweise.

Und woran arbeiten Sie derzeit?

Ich sitze gerade an den Druckfahnen eines kleineren Buches über Susan Sontag und Thomas Mann - ebenfalls eine transatlantische Konstellation. Die beiden haben sich 1949 einmal in Los Angeles getroffen, da war Sontag gerade sechzehn Jahre alt, und er war der alte Dichter im Exil. Bisher war das nur eine Anekdote. Meine Auswertungen vieler unbekannter Quellen in Sontags Nachlass haben nun ergeben, dass sie sich bis ins Alter intensiv mit Thomas Mann und dessen Werk befasst hat, lesend und schreibend. In meinem Buch, das im kommenden Frühjahr erscheinen wird, gehe ich dieser Einflussbeziehung nach.

Interview: Katharina Derlin

Kai Sina

Kai Sina ist literaturwissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität in Göttingen. Nach einem Forschungsjahr an der University of Chicago vertritt er derzeit einen Lehrstuhl in Jena. Der 34-Jährige erhielt in diesem Jahr den Fritz-Behrens-Preis. Dieser wird alle zwei Jahre vergeben und ist mit 30 000 Euro dotiert. Außerdem wurde der Physiker Karsten Danzmann für seine Erkenntnisse auf dem Gebiet der Gravitationswellen ausgezeichnet.
Der Preis wird von der gleichnamigen Stiftung verliehen. Diese wurde auf Wunsch des Industriellen Fritz Behrens nach dessen Tod 1923 in Hannover gegründet und engagiert sich heute in den Bereichen Kunst, Wissenschaft, Bildung und Denkmalschutz.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Uni Göttingen begrüßt zum #unistartgoe Studienanfänger