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Göttingen Einzigartige Sammlung historischer Kinder- und Jugendbücher
Campus Göttingen Einzigartige Sammlung historischer Kinder- und Jugendbücher
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18:55 13.10.2011
Göttingen

Das Osterbuch von Konrad Ferdinand Edmund von Freyhold ist nur ein Ausstellungsstück von über 400 im historischen Gebäude der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB). Die Sammlung von Prof. Seifert (1928 bis 2005) umfasst 12 000 Kinder- und Jugendbücher. „Es war wahnsinnig schwer, nur 400 für die Ausstellung auszuwählen“, sagt Wangerin. Jedes Buch ist ein Original. Sein Team und er haben abgewägt und sich für „Glanz und Elend“ entschieden. Lustige Märchen und Abenteuergeschichten sind genauso Teil der Ausstellung, die Wangerins Arbeitsgruppe mit dem Seminar für Deutsche Philologie der Universität inhaltlich erarbeitet hat, wie „schwarze Literatur“ und kriegsverherrlichende Bücher.

„Wir haben eine Erstausgabe von Erich Kästners Konferenz der Tiere – wohl eines der schönstens Kinderbücher überhaupt“, so Wangerin. Auch „Das Zauberboot“ von Tom Seidmann-Freud, der Nichte Sigmund Freuds, liegt aus. „Die Schatz­insel“, „Robinson Crusoe“ und die deutsche Erstausgabe von 1001 Nacht sind ebenso Teil der Sammlung. Wangerin erlebe es häufiger, dass Besucher vor Büchern stehen blieben und Tränen in den Augen bekämen, da sie ein Buch aus ihrer Kindheit wiederentdeckten.

Doch die Kinderliteratur hat dunkle Flecken. „Die NS-Bücher treiben einem die Schamesröte ins Gesicht. Da wird der Krieg als Spaß und Abenteuer dargestellt“, so Wangerin. Auch in der Kaiserzeit bis 1914 habe die Mobilmachung bei Kindern und Jugendlichen begonnen. „Da wurde Literatur missbraucht.“ Beispielsweise wenn ein Kind mit Teddybär neben sich Bomben aus einem Zeppelin auf London abwirft – und das mit fröhlichen Versen untertitelt ist. „Die Kombination aus fröhlichen Bildern und Versen ist sehr manipulativ“, meint Wangerin.

Auch Märchen wie der Struwwelpeter, dem die Daumen abgeschnitten werden, oder der Suppenkasper, der verhungert, seien brutal. Die Schreiliesel wird von Männern in den Wald verschleppt, weil sie schreit, ein Kind muss zu Ratten in den Keller, weil es nicht schlafen will. Heute sind solche erzieherischen Maßnahmen nicht zeitgemäß, Mitte des 19. Jahrhunderts finden sie sich in vielen Kinderbüchern. Doch im 19. Jahrhundert entstanden auch Kinderbücher, die eine sorglose Welt zeigen. „Kontraste gibt es immer, beispielsweise beim Mädchen- und Frauenbild“, erklärt Wangerin. Im späten 19., aber auch noch im 20. Jahrhundert zeigen Jugendbücher, dass Mädchen ihre Erfüllung als Ehefrau und Mutter finden. Auf der anderen Seite stehen Wirbelwinde und starke Mädchen wie Pippi Langstrumpf.

"Der rote Wunderschirm": Sammlung historischer Kinder- und Jugendbücher

Der Ausstellung-Titel „Der rote Wunderschirm“ stammt von einem Kinderbuch aus dem Jahr 1898, das die Geschichte von zwei Kinder erzählt, die in einem roten Schirm reisen, um ihre Eltern zu finden. Wer der Autor des Buches ist, ist unklar. Es gibt jedoch nur zwei erhaltene Ausgaben des Kinderbuchs, das teilweise auf plattdeutsch ist.

Die Seifert-Sammlung wurde 2008 von der Universität Göttingen erworben. „Seifert war ein Politikwissenschaftler und gehörte zu den linken Intellektuellen unter Kanzler Helmut Kohl“, erläutert Wangerin. Seifert hab e die Bücher nicht wahllos oder nur die besonders schönen Exemplare gesammelt, sondern immer den politischen Hintergrund im Auge behalten. So sei die komplexe Sammlung entstanden, die außer „moderner Fantasy“ die letzten 300 Jahre komplett abdecke, sagt Wangerin. „So eine Sammlung finden Sie sonst nirgendwo.“ Gerade Kinderbücher seien selten erhalten, dass sie im Alltagsgebrauch zerfledderten. „Jeder Mensch hatte eine Kindheit, daher sind Kinderbuchausstellungen so beliebt.“

Informationen

Ein illustrierter Band zur Ausstellung, mit 440 Seiten und über 400 farbigen Abbildungen, ist im Göttinger Wallstein Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro. Die Ausstellung „Kinderbücher der Sammlung Seifert – von der Frühaufklärung bis zum Nationalsozialismus“ beginnt am Sonntag, 23. Oktober, um 11.15 Uhr und endet am Sonntag, 12. Februar. Sie ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr in der Paulinerkirche, Papendiek 14 in Göttingen, geöffnet. Begleitend lesen Kinderbuchautoren wie Klaus Kordon, Sonntag, 15. Januar oder Paul Maar, Sonntag, 5. Februar jeweils um 11.15 Uhr aus ihren Werken. Karten dafür gibt es im Literarischen Zentrum, Düstere Straße 21. Weitere Informationen im Internet unter: www.paulinerkirche-goettingen.de.

Von Michael Kerzel

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