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Erster Band von August Bürgers Briefwechsel im Göttinger Wallstein-Verlag erschienen

„Mit Gott und der Welt vernetzt“ Erster Band von August Bürgers Briefwechsel im Göttinger Wallstein-Verlag erschienen

Fünf dickleibige Bände soll die Ausgabe des Bürgerschen Briefwechsels umfassen, deren erster Band jetzt im Göttinger Wallstein-Verlag herausgekom­men ist. Das erste literarische Buchobjekt dieses Verlages, erschienen 1988, also vor 27 Jahren, war ebenfalls ein Briefwechsel Bürgers („Mein scharmantes Geldmännchen“).

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Gottfried August Bürger: Gemälde von Johann Heinrich Tischbein aus dem Jahr 1777, das im Museum in Halberstadt zu sehen ist.

Quelle: EF

Göttingen. Seitdem ist die Epoche der Aufklärung ein Schwerpunkt der verlegerischen Arbeit Thedel von Wallmodens geblieben.

Gottfried August Bürger (1747-1794) ist einer der wichtigsten Exponenten dieser Periode. Das 18. Jahrhundert gilt als Blütezeit der Briefkultur. Dieses Medium diente nicht nur dem bloßen Austausch von Informationen, Briefe waren darüber hinaus der Ort für schriftliche Gespräche und bewegende Zeugnisse der Freundschaft. Bürger sei dank seiner Briefe „mit Gott und der Welt vernetzt“, gewesen, beschreibt Harro Zimmermann dieses Phänomen.

Die erste große Ausgabe der Briefe Bürgers brachte Adolf Strodtmann 1874 heraus: ein vierbändiges Werk, das auf 899 Briefen basierte. Jetzt können Ulrich Joost und Udo Wargenau in ihrer Edition fast doppelt so viele Briefe, also knapp 1800, veröffentlichen.

Für die weiteren 18 Briefjahrgänge bis Bürgers Todesjahr 1794 sind drei weitere Bände veranschlagt. Alles, was sich auf Bürgers juristische Tätigkeit bezieht, soll im fünften Band versammelt werden. „In spätestens zehn Jahren wollen wir fertig sein“, heißt es im Nachwort der Herausgeber.

Was zeichnet Bürgers Briefe aus? Zum einen geben sie einen tiefen Einblick in den „Zeitgeist“ dieser Epoche, verraten etwas vom Alltag des 18. Jahrhunderts, vom Urteil über Personen aus Bürgers Umkreis, von seiner beruflichen Existenz, von ärgerlichen und glücklichen Ereignissen. Zum anderen sind diese Briefe für Bürger stilistische Experimentierfelder, um, wie es im Nachwort der Edition heißt, „eine volkstümliche, mündlicher Diktion angenäherte Dichtungssprache zu erproben“.

Als Beispiel sei ein Stoßseufzer über das Göttinger Wetter zitiert. Am 29. September 1771 schreibt Bürger an Johann Wilhelm Ludwig Gleim: „Was nähm’ ich nicht alles an, um aus dem verdammten Göttingen zu kommen. Weis Gott! Lakey wollt’ ich drum werden, wenns nur bey einem Gleim wäre.

Ein dunkles regnichtes Klima herrscht hier, wie nur immer in Paderborn – was sag’ ich Paderborn? in Lappland seyn mag, und die Menschen entsprechen völlig diesem Klima. O wie fatal ist mir hier alles!“

Unter den Absendern und Empfängern finden sich Mitglieder des Göttinger Hainbunds, dem Bürger nicht angehörte, aber nahestand, etwa Boie, Ewald, Cramer und die Grafen zu Stolberg, dazu auch Schriftsteller wie Goeckingk und Klopstock, um nur einige zu nennen. Bürger korrespondierte auch mit Goethe, der ihn in früher Zeit hoch schätzt: „Du bist immer bey mir“, schreibt Goethe am 17. Februar 1775. Später freilich wird sich sein Urteil ändern.

Über 1000 Seiten umfasst dieser erste Band mit rund 400 Briefen der Jahre 1760 bis 1776, aufs Sorgfältigste kommentiert, durch ein Eigennamen-Register erschlossen. Ergänzt ist der Band durch einen gründlichen editorischen Bericht, durch Hinweise auf Maße und Gewichte, Münzen und Münzwerte, ein Verzeichnis historischer Abkürzungen und ein Glossar veralteter Ausdrücke.

Ulrich Joost und Udo Wargenau (Herausgeber): „Gottfried August Bürger. Briefwechsel 1760-1776“. Wallstein-Verlag Göttingen, 1007  Seiten, 69 Euro. Eine Buchpräsentation mit Ulrich Joost, Bernd Kaftan und Christian Ewald beginnt am Freitag, 2. Oktober, um 20 Uhr im Literarischen Zentrum, Düstere Straße 20.

Von Michael Schäfer

Wer war Gottfried August Bürger?

Er war einmal berühmter als Goethe. Mehr als 180 Komponisten haben seine Gedichte vertont, 144 Maler seine Sujets in Bilder umgesetzt. Er gehörte zur Pflichtlektüre in der Schule.

Doch heute dürfte kaum jemand mehr ein Werk des Dichters Gottfried August Bürger (1747-1794) benennen können. Wer die Ballade „Lenore“ kennt, wem bei Geschichten des Lügenbarons Münchhausen einfällt, dass die ein gewisser Bürger geschrieben hat, der gilt wahrscheinlich schon als ausgefuchster Spezialist.

Mit Göttingen verbindet Bürger eine Menge. Geboren in Molmerswende im Ostharz, kam er nach einem abgebrochenen Theologiestudium in Halle 1768 nach Göttingen, um hier Jura zu studieren. Nach erfolgreichem Examen wurde er Gerichtshalter in Gelliehausen – und wurde nicht müde, neben seiner beruflichen Tätigkeit zu dichten.

1773 kam die Ballade „Lenore“ heraus, mit der Bürger die Gattung der deutschen Kunstballade begründet hat. 1774 übersiedelte er nach Niedeck, 1775 nach Wöllmarshausen. 1780 pachtete er das Untergut Appenrode, um sich mit dem Ertrag der Landwirtschaft etwas dazuzuverdienen.

1784 quittierte er seine juristische Tätigkeit bei der Familie von Uslar und die Landwirtschaft in Appenrode, zog nach Göttingen und wurde zunächst Privatdozent, später außerordentlicher Professor an der Philosophischen Fakultät. 1786 veröffentlichte er die Münchhausen-Geschichten.

Der Schwerpunkt seines Schaffens ist die Lyrik und die Ballade – neben der „Lenore“ unter anderem das sprichwörtliche „Lied vom braven Mann“. Außerdem hat er Homer und Shakespeare übersetzt.

Dreimal war er verheiratet, zunächst mit Dorette Leonhardt, nach deren Tod mit ihrer Schwester Molly, mit der er schon zu Dorettes Lebzeiten – mit Einwilligung seiner Ehefrau – ein Liebesverhältnis gepflegt hatte. Molly starb ein knappes Jahr nach ihrer Heirat. 1790 ging Bürger seine dritte Ehe ein – eine ausgesprochen unglückliche: Sie wurde nach zwei Jahren geschieden. Gestorben ist er am 8. Juni 1794 einsam in einem Göttinger Gartenhäuschen. Sein Grab liegt auf dem Bartholomäusfriedhof.

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