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Brumliks Sicht auf Israel und Palästina

Fundamentalismus Brumliks Sicht auf Israel und Palästina

Der Publizist Micha Brumlik sieht jüdische Fundamentalisten als die treibende Kraft in der Siedlerbewegung im Westjordanland. Der emeritierte Professor für Erziehungswissenschaften sprach am Dienstag als Gast der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit an der Universität Göttingen.

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Micha Brumlik

Quelle: CH

Göttingen. „200.000 Juden haben sich nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 im Ostteil Jerusalems niedergelassen, weitere 300.000 Juden im Westjordanland“, erklärte Brumlik seinen 100 Zuhörern. An eine Zwei-Staaten-Lösung, also an die Teilung Palästinas zwischen Juden und Palästinensern, glaubt nach seiner Ansicht in Israel „niemand“ mehr. Viele Vertreter der politischen Rechten lehnten sie aus strategischen Gründen ab. Für die Fundamentalisten sei sie aus religiösen Motiven indiskutabel.

Die zionistische Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sei und 1948 die Gründung des Staates Israel erreicht habe, sei den religiösen Juden „lange fremd“ geblieben, führte Brumlik aus. Die Rabbiner deuteten das Leben in der Diaspora traditionell als „Strafe Gottes“ für Fehltaten des jüdischen Volks. Erst der messianische König werde am Ende der Zeit die Juden aus aller Welt ins Gelobte Land zurückführen. Die Religiösen betrachteten daher das von Linken getragene zionistische Projekt zunächst skeptisch.

„Zu den wenigen Ausnahmen zählte der 1935 gestorbene Rabbi Abraham Isaak Kook“, erläuterte der Professor. Nach Kooks Meinung sollten die Juden als „kollektiver Messias“ handeln und das Land Israel besiedeln. Das ausgerechnet Atheisten die Initiative dazu ergriffen, sei für den Hegel-Kenner Kook eine „List der Vernunft“ gewesen. Mit diesem Begriff habe der deutsche Philosoph einen Vorgang bezeichnet, bei dem handelnde Menschen unbewusst einen bestimmten Zweck in der Geschichte verwirklichten.

„Die religiösen Zionisten haben die Annexion Ostjerusalems durch den Staat Israel und die Besetzung des Westjordanlands als Zeichen Gottes interpretiert“, so Brumlik. Die religiöse Siedlerbewegung habe an Fahrt gewonnen, nachdem in Israel die Rechten Mitte der 70er-Jahre die Linken von der Macht verdrängt hätten. Jüdische Fundamentalisten gingen zum Teil mit Gewalt gegen Palästinenser vor. In den besetzten Gebieten herrschten, im Gegensatz zum israelischen Kernland, keine demokratischen Verhältnisse.

„Unter den jüdischen Fundamentalisten gibt es auch Antizionisten“, führte Brumlik aus. Sie betrachteten nicht nur die Diaspora, sondern auch die Schoah als „Strafe Gottes“. Sie arbeiteten mit antizionistischen Muslimen zusammen. In Berlin liefen sie bei den jährlichen Al-Quds-Demonstrationen mit. Dort werde gefordert, dass Jerusalem wieder eine muslimische Stadt werde.

Religiöser Fundamentalismus

"Fundamentalismus ist eine Reaktion auf die Moderne“, erläutert Prof. Micha Brumlik. Fundamentalisten lehnten wissenschaftliche Erkenntnisse, die einer wortwörtlichen Lesart ihrer religiösen Offenbarungstexte widersprechen, ab, etwa die Evolutionstheorie. Gleichzeitig stehen sie moderner Technik offen gegenüber, vom Internet bis zu Schusswaffen. Fundamentalisten akzeptierten oft die Trennung zwischen Politik und Religion nicht. Der Staat solle ihrer Meinung nach das religiöse Gesetz durchsetzen. Dass sich junge Männer gewalttätigen, fundamentalistischen Gruppen anschließen, sieht der Erziehungswissenschaftler als „desktruktiv gelöste Adoleszenzkrise“, als zerstörerisch gelöste Krise des Erwachsenwerdens. Attentate, bei denen das eigene Leben aufs Spiel gesetzt werde, deuteten darauf hin, dass es den von Sigmund Freud beschriebenen „Todestrieb“ tatsächlich gebe. mic

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