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„Es ist doch schön hier bei uns“

Perspektive Sprache „Es ist doch schön hier bei uns“

Im Wissenschaftsjahr 2009 widmet sich Göttingen der Frage: „Wie schafft Kommunikation Wirklichkeiten?“ Das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Initiative Wissenschaft wollen im Dialog der Öffentlichkeit Forschung und Wissenschaft nahebringen. Der erste Vortrag zur „Perspektive Sprache“ eröffnete die Reihe.

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Interdisziplinäres Team: Gerhard (l.) und Warnke.

Quelle: CR

Das Rauschen der Diskurse wird hier zu hören sein“, verspricht Prof. Albert Busch  zur Eröffnung der Vorlesungsreihe „Wissenszukunft – Zukunftswissen“ in der Göttinger Paulinerkirche. Die Forschung werde Bürger, Schüler und Studierende mit auf ihre Expeditionen nehmen, Raum für Gegenstandpunkte lassen und Diskussionen fördern.  Die von den Linguisten Prof. Sigurd Wichter, Busch und Prof. Ingo Warnke organisierte Reihe werde das „Herzstück des Göttinger Wissenschaftstreffpunktes“ bilden, so Universitäts-Vizepräsidentin Prof. Hiltraud Casper-Hehne.

Mit Warnke, mittlerweile Professor in Bern, hielt einer der Organisatoren den Eröffnungsvortrag – allerdings nicht allein, sondern in sehr geglückter Interdisziplinarität – gemeinsam mit der Heidelberger Humangeografin Dr. Ulrike Gerhard. Mit ihrem Thema „Wie Städte herbeigeredet werden – Die sprachliche Aushandlung von Architekturen und Stadtgeographien“ veranschaulichten die Wissenschaftler die Macht der Sprache – als Stadt- und Wirklichkeitenbildendes Instrument. 

Ausgehend von Claude Levi Strauss Suche nach dem „wahren Lahore“, konstatierte Warnke mit konstruktivistischem Ansatz, das Wissen um die Realität von Städten speise sich vor allem aus Beschreibungen, seltener aus Erfahrung. Es diene oft als „Folie zur Abwertung der Realität“, wo zum Beispiel sei „das wahre Paris“ zu finden? 

In welcher Weise die Weichen für das Gelingen oder Scheitern von Städten gestellt würden, versuchten Modelle und Idealtypen seit der Chicagoer Schule der 30er Jahre fassbar zu machen. Doch die Vorstellungen von Stadtentwicklung erwiesen sich als flüchtig, schilderte Gerhard. Seit den Urbanismus-Diskussionen seien Städte als Netzwerke mit Eigenlogiken begriffen worden. Während der amerikanische Stadttheoretiker Robert Venturi die klassische Moderne massiv kritisierte, dachte der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich Architektur als Zeichensystem, dessen grundlegende Eigenschaften Komplexität und Widerspruch seien. Er wandte sich gegen die „Pseudoprivatheit“ modernen Wohnens, die deutsche Nachkriegsstadt und fehlende urbane öffentliche Räume. Mit dem Heidelberger Stadtteil Emmertsgrund, dessen Planungskommissionsmitglied Mitscherlich war, so Gerhard, sollte das Schlagwort „Gemeinschaft“ Realität am Königsstuhl werden – statt Vorort-Monotonie. Dass die Schaffung einer zentralen Kommunikationsachse dennoch misslang, hatte  nicht zuletzt ökonomische Gründe. Heute habe der Stadtteil mehr mit seinem schlechten Image zu kämpfen, denn mit der Unzufriedenheit seiner Bewohner: „Es ist doch schön hier bei uns in Emmertsgrund.“ – Im gesellschaftlichen und städtebaulichen Diskurs erst entstehe eine Stadt, sie werde sprachmächtig „herbeigeredet“. 

Am Donnerstag, 23. April, spricht Prof. Nina Janich über „Unsicheres Wissen in Wissenschaftsdiskursen“ in der Paulinerkirche, Papendiek 14 in Göttingen um 18.15 Uhr. 

                                                                                                                      Von Tina Lüers

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