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Experten diskutieren beim Historikertag in Göttingen über Popgeschichte

Zwischen Ausbeutung und Emanzipation Experten diskutieren beim Historikertag in Göttingen über Popgeschichte

Referenten, die Schallplatten auflegen: So etwas gibt es bei Historikerkongressen nicht häufig. „Popgeschichte auf dem Historikertag ist ein Novum“, hob Detlef Siegfried, Historiker aus Kopenhagen, am Donnerstag, 25. September, einleitend in der Sektion „Popgeschichtliche Narrative des 20. Jahrhunderts zwischen Ausbeutung und Emanzipation“ hervor.

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Journalist, Historiker und DJ: Bodo Mrozek.

Quelle: Schäfer

Göttingen. Jeder Beitrag wurde von einem Song eingeleitet, abgespielt auf einem originalen Philips-Plattenspieler der späten 1970er-Jahre. Der Abba-Song „The Winner Takes It All“ eröffnete den Vormittag, gefolgt von der deutschen Fassung mit Marianne Rosenberg „Nur Sieger stehn im Licht“.

Diese Titelzeile passt hervorragend zum Motto des Historikertages „Gewinner und Verlierer“. „Die Popgeschichte hat viele Erfolgsgeschichten hervorgebracht“, betonte Siegfried und machte auch die Kehrseite deutlich: „Verlierergeschichten sind ein moralisches Korrektiv“.

Die vier weiteren Referenten gingen auf Aspekte der Popgeschichte ein. Wobei schon die Frage, wann denn eigentlich Popgeschichte beginnt, unterschiedlich beantwortet wurde. Die Historikerin Astrid Kusser, die zurzeit in Rio de Janeiro forscht, fasst den Begriff deutlich weiter, als die Geschichte des Begriffs zurückreicht.

Neue Form der Musikvermarktung

„Popmusik“ gibt es erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs, „populäre Musik“ dagegen schon wesentlich früher. So richtete Kusser den Fokus ihres Referats auf das Phänomen des „Tanzfiebers“ im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, als Tänze wie der Cakewalk, der Onestep, Twostep, Charleston und Tango populär wurden, als Mitte der 1920er-Jahre in den USA Tanzmarathons zur Mode wurden – eine Geschichte, die sie bis zum Film „Flashdance“ (1982) fortführte.

Mit dem Siegeszug der amerikanischen Populärmusik im 20. Jahrhundert befasste sich Klaus Nathaus (Edinburgh). Er legte dar, dass sich in den USA zu Jahrhundertbeginn eine ganz eigene Form der Musikvermarktung entwickelt habe.

New Yorker Musikverlage – das Zentrum war die Tin Pan Alley in Lower Manhattan – versuchten mit gezielten Werbemaßnahmen die Musiktitel so rasch wie möglich populär zu machen, um anschließend die gedruckten Noten zu günstigem Preis zu verkaufen.

Hitlisten für Marktforschung

25 000 Titel pro Jahr, von Nathaus, seien damals produziert worden. Mit dem Aufkommen der Schallplatte habe sich die Strategie verändert, früh schon seien die Hitlisten der Jukeboxen zur Marktforschung genutzt worden: „Der Kunde hat das Sagen“, fasste Nathaus zusammen.

Die Geschichte von Fanclubs untersuchte der Journalist und Historiker Bodo Mrozek, der an einer Dissertation zum Thema „Jugendstile und Popkultur nach 1945 aus transnationaler Perspektive“ arbeitet. Der erste US-Fanclub für Elvis Presley wurde 1956 von dem Teenager Kay Wheeler gegründet.

Bei Elvis‘ Tod 1977 habe es bereits 5000 Elvis-Fanclubs gegeben. Auch Jugendliche aus der DDR hätten Kontakt zu diversen bundesdeutschen Fanclubs aus dem  Bereich der Popmusik gesucht, was von der DDR-Staatsführung als kriminelle Tat eingestuft wurde.

Pop ist „Nicht-Kunst“

Mit der Maxime „Tu, was du willst, solange du noch kannst“ befasste sich die Historikerin Astrid Geisthövel (Berlin). Zur Popkultur gehöre eine rebellische, unangepasste Jugend, die nicht nur spontan exzessiv leben, sondern dies auch sichtbar machen wolle. Pop sei Inbegriff des Gegenwärtigen, der Innovation. Das habe durchaus ähnliche Züge wie das futuristische Manifest des Filippo Tommasi Marinetti von 1909.

Pop verstehe sich, so der Berliner Historiker Thomas Mergel in seinem Schlusskommentar, als eine „Nicht-Kunst“. Und die Popgeschichte sei für Historiker von großer Bedeutung: „Sie ist ein exemplarisches Feld der Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts.“

Von Michael Schäfer

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