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Festakt zur Wiedereröffnung der Georgia Augusta vor 70 Jahren

Universität Festakt zur Wiedereröffnung der Georgia Augusta vor 70 Jahren

Mit einem Festakt hat die Universität Göttingen am Montag an ihre Wiedereröffnung nach dem zweiten Weltkrieg und an die Gründung der Göttinger Universitätszeitung erinnert. Der Beginn der Vorlesungen am 17. September 1945 war, so Festredner Prof. Bernd Weisbrod, „unspektakulär“.

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Im Interview: Dr. Ulrike Thimme berichtet von ihrer Zeit als Redakteurin der Göttinger Universitätszeitung. Das Gespräch wurde aufgezeichnet und beim Festakt gezeigt.

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Mit einem Eröffnungsgottesdienst in der Jacobikirche am 16. September wurde die Georgia Augusta wieder eröffnet. Dabei habe der Theologieprofessor Friedrich Gogarten „die sittliche Einkehr beschworen, ohne die Täter und Opfer zu nennen“, fasste Weisbrod zusammen. In Göttingen sei es mehr um die Ideale des Anfangs gegangen während Philosophieprofessor Karl Jaspers in Heidelberg im Wintersemester 1945/46 seine berühmte Vorlesung zur Schuldfrage hielt. Jaspers forderte die Erneuerung der Universität und kritisierte, „der Geist der Unwissenschaftlichkeit öffnete dem Nationalsozialismus die Türen.“

In Göttingen führten Vorträge des Philologieprofessors Herbert Schöffel zu heftigen Debatten und deutlichem Widerspruch auch durch die britische Militärregierung. „Schöffel sprach öffentlich über die Unschuld und sprach nicht, wie Jaspers und Niemöller, über die Schuld“, beschrieb Weisbrod knapp denn Disput.

Das Ziel der Information über die Georgia Augusta und hochschulpolitische Diskussion hatten die Herausgeber der 1945 gegründeten Göttinger Universitätszeitung, die schon 1949 zur Deutschen Universitätszeitung wurde und seit 1950 ihren Sitz in Bonn hat. Per Videoaufzeichnung wurde ein Interview eines der ersten Redaktionsmitglieder der Guz beim Festakt in der Aula am Wilhelmsplatz gezeigt. Dr. Ulrike Thimme (92) war Redakteurin in der Göttinger Redaktion. Hier sei ihr politisches Interesse geweckt worden, dem Team sei die Aufarbeitung der Nazi-Zeit wichtig gewesen. Die 14-tägig erscheinende Zeitung habe Anfang der Fünfziger Jahre „die Wiederentdeckung der Politik“ zum Thema gehabt, ergänzte Historikerin Prof. Petra Terhoeven die Ausführungen von Thimme.

In den Jahren zuvor war der Stellenwert der Zeitung  noch ein anderer: Es gab eine „überwältigende Nachfrage nach Veröffentlichungen in der Göttinger Universitätszeitung. Sie präsentierte das Renommee, das von 1945 bis 1949 von Wert war“, zitierte Terhoeven den Historiker Kai Arne Linnemann. Wichtige Themen waren die Reformvorschläge zur Hochschule oder die als „Dokumentenstreit“ bezeichnete Kontroverse um den Nürnberger Prozess gegen KZ-Ärzte von 1947 zwischen den Medizinern Prof. Hermann Rein und Alexander Mitscherlich. Außerdem wurden in dieser Zeit die deutschen Hochschulen noch von denen im Ausland boykottiert.

Über Besuche von Wissenschaftlern aus dem Ausland wurde ausführlich berichtet, beschrieb Dr. Wolfgang Heuser die Situation. Der Verlagsleiter und Herausgeber war einer der Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Stunde Null - Kontinuität oder Neuanfang“ zum Abschluss des Festaktes. Universitätspräsidenten Prof. Ulrike Beisiegel betonte nochmals die Notwendigkeit, die Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten mit Blick auf die Universität und ihrer Fakultäten. „Auch das sind Themen, mit denen wir Verantwortung für die Gesellschaft zeigen“, sagte Beisiegel auch hinsichtlich der Erinnerung an die Wiedereröffnung. Sie will eine ähnliche Veranstaltung nochmals im Semester für die Studenten anbieten.

Reservierte Plätze für Kriegsversehrte

Volle Hörsäle, Strom- und Ausgangssperren und Mangel an allem: Daran erinnern sich Eva Zuckschwerdt und Konrad Fischer beide, die sich am Montag beim Festakt im Aulagebäude trafen. Sie gehörten zu den 25000, die sich um einen Studienplatz an der Universität Göttingen im Wintersemester 1945/46 bewarben. Studiert haben beide in Göttingen, sind sich damals aber nicht begegnet. Zuckschwerdt war 1943 aus Finnland nach Göttingen gekommen, studierte Geschichte und Germanistik.

„Nach dem Krieg wurden keine Vorlesungen im Auditorium abgehalten und wir wechselten immer. Vorlesungen in der Anatomie möchten wir nicht, weil da die Präparate standen“, so Zuckschwerdt. Mediziner Fischer (91) erzählt, „die Vorlesungen begannen früh um sieben. Abends fiel wegen der Stromsperren die Beleuchtung aus, also musste tagsüber gelernt werden“, so Fischer. Und abends gab es auch Ausgangssperren. „Wer zu spät unterwegs war, wurde von den Engländern über Nacht in Arrest genommen“, erinnert sich Zuckschwerdt (94), deren Ehemann wenige Tage vor Vorlesungsbeginn aus dem Krieg zurückgekehrt war.

 Im gefärbten Soldatenmantel saß Fischer im Hörsaal, weil es kalt war und nicht oder nur wenig geheizt werden konnte. Oft musste er auf den kalten Stufen Platz nehmen: „Die Sitzplätze waren für die Studenten reserviert, die kriegsversehrt waren.“

Vieles, so Eva Zuckschwerdt, sei knapp gewesen. Lehrmittel fehlten und Papier war Mangelware. „Ich habe einmal die Blätter nur einseitig beschrieben, was mir der Professor vorgeworfen hat: Papierverschwendung.“ Aber auch wenn die Bedingungen nicht gut waren, so habe sie die Zeit doch in guter Erinnerung: „Die Professoren wollten uns herausbringen aus dem Elend und in eine gute Zukunft. Das habe wir jungen Leute geschätzt und auch, dass die Universität generell sehr interessiert war an uns Studenten.“ Dabei seien ja sehr viele nach Göttingen gekommen, ergänzt Fischer, weil die Stadt kaum zerstört war.

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