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40 Jahre Primatenforschung in Göttingen

Deutsches Primatenzentrum 40 Jahre Primatenforschung in Göttingen

Das Deutsche Primatenzentrum in Göttingen feierte am Donnerstag, 17. August, sein 40-jähriges Bestehen mit einem Festakt. Das Forschungsinstitut auf dem Nordcampus beschäftigt 400 Mitarbeiter und betreibt mehrere Forschungsstationen.

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Festveranstaltung im Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen: Festredner Wilhelm Krull (rechts), Gäste und Gastgeber besichtigen die Ausstellung über das Forschungsinstitut.
 

Quelle: Hinzmann

Göttingen. „Emotionalisierung, Dramatisierung und Zuspitzung“, nicht „sachliches Abwägen“ prägten heute oft die Diskussion um Tierversuche, bedauerte am Donnerstag Wilhelm Krull. Der Generalsekretär der Volkswagen-Stiftung hielt die Festrede zum 40-jährigen Bestehen des Deutschen Primatenzentrums.

Wissen über Tiere erschwere Tierversuche

Wissenschaftler haben, so Krull, dazu beigetragen, dass die Menschen heute viel über Tiere, deren mentale Fähigkeiten und Leidensfähigkeit wissen. Genau dieses Wissen erschwere nun aber Tierversuche. Dabei seien von 1000 Nutztieren keine drei in der Forschung eingesetzt. 99 Prozent der Nutztiere dienten der Fleischproduktion. Aber auch in diesem Bereich wandelten sich die Einstellungen.

Vom Erreichen eines Konsenses, so Krull, sei die Gesellschaft „weit entfernt“. Selbst der Gesetzgeber schaffe nur begrenzt Klarheit. Der Generalsekretär, der auch Stiftungsratsvorsitzender der Universität Göttingen ist,  erwähnte die Tierschutzrichtlinie der Europäischen Union von 2010, die sich auf der einen Seite klar zur Notwendigkeit von Tierversuchen bekenne, um dann als langfristiges Ziel deren Abschaffung zu setzen. Für Wissenschaftler sei es oftmals schwierig zu forschen: Einige müssten sich die Möglichkeit mühsam vor Gericht erkämpfen. Andere seien durch „Schmähungen“ zum Aufgeben gezwungen.

Tierversuche „unerlässlich“

Dabei, so Krull, seien Tierversuche etwa bei der Erforschung des Herz-Kreislaufsystems, von Entwicklungs- und Alterungsprozessen oder Vorgängen im Gehirn „unerlässlich“. Computersimulationen bieten nach seinen Angaben keinen Ersatz. Es gelte, die Interessen der Tiere und die des Erkenntnisgewinns gegeneinander abzuwägen.

Krull ermutigte das DPZ und dessen Direktor, Prof. Stefan Treue, sich weiter offen der Diskussion zu stellen und die eigene Einrichtung transparent zu machen. Das DPZ sei der Volkswagen-Stiftung „lieb und teuer“, erklärte der Generalsekretär mit Blick auf die „erheblichen Mittel“, die die Göttinger Wissenschaftler erhalten.

Vortrag über Impfstoffe

Die Notwendigkeit von Tierversuchen versuchte Prof. Ronald C. Desrosiers von der Universität von Miami Miller School of Medicine in einem Vortrag über Impfstoffe herauszustreichen. Pocken hätten im 20. Jahrhundert zwischen 300 000 und 500 000 Menschen das Leben gekostet. 1980 sei die Krankheit aufgrund des Impfstoffeinsatzes ausgerottet worden. Bei Polio gebe es dank Impfungen nur noch wenige Fälle in Pakistan und Afghanistan. Ohne Tierversuche ließen sich keine Impfstoffe gegen Seuchen wie Ebola entwickeln. Es gebe Hoffnung, einen Impfstoff gegen HIV/Aids zu finden. Angesichts von 1,8 Millionen Neuinfektionen pro Jahr sei das ein großer Durchbruch.

Gegner von Tierversuchen seien in der Regel im Laufe ihres Lebens selbst auf Medikamente angewiesen, die sich ohne Tierversuche nicht hätten entwickeln lassen. Darauf wies Bärbel Brumme-Bothe, Ministerialdirektorin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, hin. Sie bedauerte, dass die Gegner – ähnlich wie Gegner der grünen Gentechnik – oft durch sachliche Argumente kaum zu erreichen seien. Ohne Tierversuche lassen sich keine Antibiotika gegen Infektionskrankheiten entwickeln, erklärte sie. Die Bekämpfung von Infektionen sei ein wichtiges Thema, das zu einer der Initiativen der G20-Staaten zählt. Der Bund stockt nach Angaben von Brumme-Bothe die Forschungsmittel in diesem Bereich auf 50 Millionen Euro auf.

Lob für Weitsichtigkeit der DPZ-Gründer

Die Weitsichtigkeit der DPZ-Gründer hob Rüdiger Eichel, Ministerialdirigent im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, hervor. Sie wählten ein großflächiges Gelände aus. Darauf konnte das Forschungsinstitut in den vergangenen Jahrzehnten wachsen. Eichel lobte die Kooperation mit der Universität und der Universitätsmedizin Göttingen, insbesondere bei den zehn gemeinsamen Brückenprofessuren.

Das DPZ habe mit 25 Mitarbeitern begonnen, heute seien es mehr als 400, sagte Direktor Treue. Die Zahl der wissenschaftlichen Abteilungen sei von vier auf neun gestiegen. An Nutzfläche stehen der Leibniz-Einrichtung nicht mehr 8000, sondern 27 000 Quadratmeter zur Verfügung.

Führungen und Ausstellung „Primaten“

Das Deutsche Primatenzentrum hat zu seinem 40-jährigen Bestehen verschiedene Aktivitäten für die Öffentlichkeit geplant. Bei Führungen stellt das DPZ seine Forschungsschwerpunkte vor und gibt einen Einblick in die Außenanlagen der Primatenhaltung. Diese Führungen – für alle Interessierten ab 15 Jahre – finden vom 23. August bis 22. September an mehreren Terminen statt, eine Anmeldung über die DPZ-Website ist erforderlich. Am Freitag, 8. September, wird die Ausstellung „Primaten“ eröffnet. „Hier zeigt das DPZ nicht nur die große Vielfalt der nächsten Verwandten des Menschen, sondern gibt auch einen Einblick in die Forschung an den Feldstationen“, teilte das Forschungsinstitut mit. Im Rahmen der Ausstellung sind mehrere Begleitveranstaltungen geplant, unter anderem Vorträge und Führungen. Informationen über das Deutsche Primatenzentrum im Internet unter dpz.eu.

Von Michael Caspar

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