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Göttingen Pilgern für die Wissenschaft
Campus Göttingen Pilgern für die Wissenschaft
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00:17 15.05.2017
Quelle: r
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Göttingen

FoLL-Gruppenleiter Thorsten Wettich konnte für sein Projekt vier Studenten begeistern. Ein Jahr lang beschäftige sich das Team um Wettich mit dem Thema Martin Luther und der Funktion des Pilgerns heutzutage.

Zunächst in Einzelteams bearbeiteten Yvonne Allers (21, Religionswissenschaft und Ethnologie), Ernst-Peter Reuters (25 Jahre, Geschichte und Philosophie), Miriam Ordon (23, Religionswissenschaft und Kulturanthropologie) und Kilian Knop (23, Religionswissenschaft und Geschichte) ihre Forschungsfragen. So fuhren Allers und Ordon mit der Absicht, Experteninterviews mit Zuständigen dortiger Lutherstätten über die „Luthermeile“ zu führen, nach Erfurt. Dort angekommen, erfuhren sie, dass auf der Luthermeile faktisch niemand pilgerte. Kurzerhand disponierten sie um: „Wir haben den Fokus auf Städtetourismus verschoben und nach Vernetzung und Vermarktung der Lutherstätten gefragt“, erinnert sich Ordon.

Auch Reuters und Knops Erwartungen deckten sich nicht völlig mit der Realität in Eisleben, wo sie sich einer ökumenischen Pilgergruppe anschlossen und nach Wittenberg wanderten. „Dort ist niemand barfuß und in Leinen gehüllt tiefreligiös umhergewandelt, es ging nicht allein um Rituale oder Krafttanken“, sagt Reuters. Schon nach ein paar Stunden Wanderung stellten die beiden ihre erste Hypothese auf: „Das heutige Pilgern ist mehr als Religion und bloße Spiritualität“. Gemeinschaft, Gemütlichkeit und Sport seien ebenso wichtige Beweggründe für die Pilger.

Gemeinsam fuhr die Projektgruppe dann nach Wittenberg aufs Reformationsfest. Mit einem ethnografischen Film und einer Menge „Mitbringsel“ in Form von Luther-Gummibärchen, Luther-Kaffee und Luther-Kondomen belegt die Gruppe: Luther ist „post mortem ein sakraler Teil des Marketingkonzeptes des Städtetourismus“. Weitaus weniger als erwartet werde die Figur Luthers zur Förderung des Protestantismus genutzt.

Die Erfahrung, dass im Prozess der Forschung nicht nur Fragen geklärt, sondern auch neue Themen aufgeworfen und ursprüngliche Ziele verändert werden müssen, durchlebte die Gruppe genauso wie Diskussionen über Methoden, dem Preis der Interdisziplinarität: „In der Kulturanthropologie geben wir uns als Forscher im Feld immer zu erkennen“, so Ordon. Dass Knop und Reuters „undercover“ mit der Pilgergruppe wanderten, begründeten sie wiederum mit dem Einfügen in die Gruppendynamik und dem unverfälschten Erkenntnisgewinn. „Wir haben niemanden durch den Kakao gezogen und alles anonymisiert, so war es für uns alle dann doch forschungsethisch vertretbar“, resümiert Reuters. Die besten Ergebnisse seien tatsächlich durch das „Formlose“, die Plaudereien mit den Pilgern entstanden.

Trotz all der Arbeit, die hinter dem Projekt für alle Beteiligten stand, ziehen die vier Jungwissenschaftler ein durchweg positives Fazit des FoLL-Projekts. „Es gab viele positive Rückmeldungen und man war nie auf sich allein gestellt“, so Allers. Reuters fasst den entstandenen Forschergeist der Gruppe weitsichtig zusammen: „Es gibt noch viel in dieser Welt zu entdecken!“ kil

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