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Göttingen Geflüchtete kann Studium in Göttingen fortsetzen
Campus Göttingen Geflüchtete kann Studium in Göttingen fortsetzen
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21:00 03.08.2018
Amtul Noor aus Pakistan kann ihr Studium der Physik in Göttingen fortsetzen.  Quelle: Hanswerner Kruse
Göttingen / Fulda

Einige Male musste Amtul Noor (25), Asylbewerberin und Physikerin, in der letzten Zeit noch von ihrem Schlüchterner Flüchtlingsheim aus nach Göttingen fahren. Nun hat sie es geschafft, sie konnte sich für das Wintersemester als Studentin an der Georg-August-Universität immatrikulieren. Durch die Unterstützung von Physikprofessor Arnulf Quadt kann sie am Physikalischen Institut studieren. „Ich wundere mich selbst. Mein Leben hat sich so gewandelt, ich habe mich so verändert“, sagt die pakistanische Frau.

Ihre gesamte Familie gehört der Ahmadiyya an, einer weltweiten muslimischen Gemeinde die sich als Reformbewegung des Islams versteht. In Pakistan, wo Noor aufwuchs, konnte sie quasi im Schoß und Schutz dieser Gemeinde ein Fernstudium in Physik, Mathematik sowie IT absolvieren und ihr naturwissenschaftliches Examen ablegen: Für eine pakistanische Frau eine Sensation. Ihre Eltern wollten eigentlich, dass sie Ärztin wird, aber Noor konnte kein Blut sehen und fand von sich aus zur Physik. „Schon immer war ich fasziniert von den Sternen und ihren Bahnen am Himmel, ja eigentlich von allen Naturerscheinungen“, erzählt sie.

Zwischenstation in Tansania

In Pakistan wurde ihre Familie, wie alle Anhänger der Glaubensrichtung der Ahmadiyya, „im Namen Allahs“ diskriminiert und verfolgt. Nicht selten wird dort den „Feinden des Islams“, wie in anderen muslimischen Ländern, nach dem Leben getrachtet. Mit ihrer Familie floh Noor nach Tansania, Indien kam nicht infrage, weil pakistanische Muslime dort häufig als „Terroristen“ drangsaliert werden. Dort unterrichtete sie, wie vorher in der Heimat, Kinder in Physik und heiratete ihren indischen Verlobten.

Doch nach drei Jahren ging Noor im Jahr 2017 als Asylbewerberin nach Deutschland, weil ihr Mann in Tansania keine Arbeitserlaubnis bekam, nach Indien zurückkehrte und sie für sich in Afrika keine Perspektive mehr sah. Sie wusste nichts über unser Land, kam aber hierher, weil ihr Bruder in Hanau lebt. Noch ist ihr Asylverfahren nicht abgeschlossen, doch ihre Chancen auf Anerkennung sind sehr groß: Vor einigen Jahren entschied der Europäische Gerichtshof, für pakistanische Ahmadis gelte aufgrund der religiösen Verfolgung das Asylrecht.

Mitarbeit in Physikprojekt für Flüchtlingskinder

Im Erstaufnahmeheim in Darmstadt wurde Noor von einer Sozialarbeiterin ermuntert es ihr gleichzutun und bei Kindern von Asylbewerbern Freude an der Erkundung physikalischer Prozesse zu wecken. Gemeinsam besuchten die beiden einen Workshop „Physik für Flüchtlingskinder“. In dem von Quadt initiierten Projekt erarbeiteten die Teilnehmer, wie sie Physik für Kinder interessant aufbereiten können. Da Noors Deutschkenntnisse damals noch gering waren, schlug sie vor, pakistanische Kinder zu sprachlichen Helfern in ihrem vorgestellten Unterrichtsprojekt zu machen: „Kinder mögen solche Dinge und genießen es, Partner und Unterstützer zu sein. Sie sprechen und lernen auch schneller deutsch“, erklärt sie.

Noor überzeugte Physiker Quadt und seine Mitarbeiter und bekam eine Experimentierbox, um Kinder zu unterrichten. Dem Physiker war schnell klar, dass die junge Frau hoch qualifiziert und talentiert ist. Als Vertrauensdozent und Professor hatte er gelernt, Talente zu erkennen, sie zu fördern und ihnen eine Chance zu geben: „Diese Chancen müssen sie dann selber nutzen, sich anstrengen und etwas daraus machen. Ich bin sicher, dass sie erkannt hat, welche Chance sie nun bekommt und diese nutzen wird.“ Für beide Seite sei das eine Win-Win-Situation, denn Noor werde ihre Qualifikation und ihr Talent dann auch zum Wohl ihrer neuen Heimat einsetzen.

Sie lebt derzeit im Flüchtlingsheim in Schlüchtern, nun müssen die Behörden gemäß Asylgesetz noch entscheiden, ob sie einer „Umverteilung“ der Studentin nach Göttingen zustimmen. Noor und alle Beteiligten sind optimistisch, denn die Ämter sind verpflichtet sich von humanitären Grundsätzen leiten zu lassen. Ausschlaggebend dürfte sein, dass auch die Universität engagiert Ihr Begehren unterstützt.

Projekt: „Physik für Flüchtlinge“

Auch in den Herkunftsländern von Asylbewerbern ist der Himmel blau, gibt es Regenbögen und andere naturwissenschaftliche Phänomene, über die man staunen kann. Arnulf Quadt, Professor an der Uni Göttingen, wollte den Kindern der vielen Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland kamen, etwas Ablenkung und Bildung sowie persönlichen Kontakt zu ehrenamtlichen Helfern aus Deutschland ermöglichen: „Da ähnlich wie Musik und Sport auch physikalische Phänomene Spaß machen und unabhängig von Religion, Sprache oder dem Ort sind, hat sich das Experimentieren angeboten. Jeder macht einfach, was er kann.“

Dann rief er mit Hilfe der Uni, der Deutschen Studienstiftung und der Physikalischen Gesellschaft das Projekt „Physik für Flüchtlinge“ ins Leben. Schnell bekam die Initiative Zusagen von 1000 freiwilligen Helfern und über 20 Erstaufnahmeeinrichtungen. Inzwischen richtet sich das Projekt auch an Schulen mit Integrationsklassen und wird vom Forschungsministerium (BMBF) unterstützt. hwk

Von Hanswerner Kruse

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