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Fernbusbranche boomt

Geografiestudenten befragen Fahrgäste Fernbusbranche boomt

Der boomende Fernbus-Markt erzeugt neue Verkehre, warnt Tobias Behnen vom Geographischen Institut der Universität Göttingen. Mit Studierenden hat er eine Studie zum Thema erarbeitet. Kritisch sieht Behnen zudem, das bereits bestehender Verkehr von der Schiene auf die Straße verlagert werde. Das sei nicht nachhaltig.

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Haltestelle in Göttingen: Unter den Fahrgästen der Fernbusse gibt es viele Studierende.

Quelle: Harald Wenzel

Göttingen. . Im Jahr 2013, heißt es in der Studie, sei in Deutschland der Fernbusverkehr liberalisiert worden. Seitdem wachse die Branche kräftig, nicht zuletzt weil sich für preisbewusste Kunden neue Möglichkeiten auftäten. Die starke Nachfrage habe in Göttingen unter anderem dazu geführt, dass die alte Haltestelle vor dem Zoologischen Institut aufgegeben wurde. Es entstand ein neuer, besserer Bussteig am Zentralen Omnibusbahnhof. Das nahmen die Geografen zum Anlass während einer praxisorientierten Lehrveranstaltung fast 350 Fahrgäste zu befagen.

An der Haltestelle in Göttingen bemängelten die Teilnehmer vor allem die fehlende Überdachung sowie eingeschränkte Informationsmöglichkeiten, heißt es in der Studie. So gebe es keine elektronischen Anzeigetafeln.

Die Universitätsstadt, so ein anderes Ergebnis, habe sich in kurzer Zeit zu einem wichtigen Haltepunkt der Fernbuslinien entwickelt. Vor allem Studierende schätzten das Angebot, fanden die angehenden Wissenschaftler heraus.

„Mittlerweile stoppen in Göttingen täglich mehr als 50 Fernbusse“, berichtet Behnen. Die wichtigsten Ziele seien Hamburg (20 Prozent), Berlin (12), Frankfurt (8) und Köln (7). Zwei Drittel der Befragten seien zwischen 18 und 29 Jahren alt gewesen. Als Hauptargument hätten sie die günstigen Preise genannt. 85 Prozent der Fahrgäste bezahlten maximal 20 Euro. 15 Prozent der Reisenden hätten die Fahrt nicht unternommen, wenn das Ticket nicht so günstig gewesen wäre. Die anderen Reisenden hätten früher überwiegend den um ein Mehrfaches teureren ICE genommen.

„Die Fernbusunternehmen können aber nur deshalb so günstig sein, weil die Haltestellenkosten gering sind, sie keine Maut bezahlen, oft auf Subunternehmer zurückgreifen und geringere Fahrgastrechte garantieren müssen“, merkt der Behnen kritisch an. „Die Fahrer müssen Zusatzaufgaben übernehmen“, hebt der Geograf hervor. Sie würden beim Verladen des Gepäcks helfen und zum Teil Fahrkarten verkaufen.

Behnen verfasste seine Diplomarbeit über den Linienluftverkehr in der Europäischen Gemeindschaft. 1999 wurde er an der Universität Hannover mit einer Arbeit über den beschleunigten Meeresspiegelanstieg und seine sozio-ökonomischen Folgen promoviert. Seither ist der Wissenschaftler durchgängig an den Universitäten Göttingen, Hannover und Hildesheim in Forschung und Lehre tätig.

Schnückel: „Fernbusse sind mir viel zu klein“

Für die ICE-Fahrkarte Göttingen - Frankfurt müsste sie 64 Euro bezahlen, die Fernbuskarte kostet sie acht bis elf Euro. „Dieser Preisunterschied überzeugt mich“, meint Mina Di Laurenzio, die in Göttingen Interkulturelle Germanistik studiert hat. In den Bussen sei es zwar enger als in der Bahn, aber es gebe Steckdosen und Wlan. Eine Mitfahrgelegenheit sei mit zwölf bis 13 Euro teurer als der Bus. Dafür bestehe dort manchmal die Möglichkeit, dass sie der Fahrer näher an ihrem Ziel absetze.
„Ich fahre mit dem Fernbus oft über Nacht nach München“, berichtet Medizinstudentin Katharina Deefs. Siebeneinhalb Stunden dauere die Fahrt. Sie persönlich sei klein, so dass es für sie keine Platzprobleme in den Bussen gebe, und schlafen könne sie auch im Sitzen. Als Vorteile des teureren ICE nennt sie, dass er die Strecke in vier Stunden schaffe und viel häufiger als der Bus verkehre, so Deefs.
„Die Fernbusse sind mir viel zu klein“, meint Thorsten Schnückel, der 1,98 Meter groß ist. Der angehende Sozialwissenschaftler fährt auch aus Umweltgründen lieber mit der Bahn. Er buche frühzeitig und sei mit dem Zug schon für 19 Euro von Hamburg nach Heidelberg gekommen, sagt er.
„Ich nehme so gut wie nie einen Fernbus“, erklärt der Göttinger Forststudent Jakob Lahr. Er stamme aus dem Westerwald und käme mit dem Fernbus nur bis zur nächsten Großstadt. Mit der Bahn erreiche er sein Ziel, aber auch das sei kompliziert. Die höheren Bahnpreise schrecken ihn nicht. „Es gibt Spartickets“, berichtet er. Wer frühzeitig buche, zahle nur einen Bruchteil des regulären Preises.
Zu den Frühbuchern gehört auch der Göttinger Geografiestudent Mubarez Ahmad, der zweimal im Monat die Strecke Hannover - Frankfurt fährt. „Ich zahle 29 Euro, manchmal sogar nur 19 Euro“, sagt er. Der Fernbus sei da nur wenig günstiger, brauche aber viereinhalb Stunden. Der ICE schaffe die Strecke in zwei Stunden.
Bekennende Fernbusfahrerin hingegen ist Merle Ayecke. Für fünf Euro komme sie nach Halle, verrät Ayecke, die Geschichte und Englisch studiert. Wenn sie dagegen nach Hause wolle, nach Cuxhaven, nehme sie den Metronom. Der Nahverkehrszug sei mit dem Semesterticket kostenlos. Dafür dauere die Fahrt allerdings sechs Stunden. Mit Fernzügen gehe es doppelt so schnell, sagt die Studentin.

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