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Geschichte der Glaubensgemeinschaft der Aleviten

Religion und Politik Geschichte der Glaubensgemeinschaft der Aleviten

Die Glaubensgemeinschaft der Aleviten hat sich immer gegen ungerechte Herrscher aufgelehnt. Bis heute wird sie deshalb unterdrückt: Das begann bei Namensgeber Ali, dem Cousin und Schwiegersohn des Islam-Propheten Mohammed, der um dessen Nachfolge als Führer der Muslime betrogen wurde.

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Quelle: epd

Göttingen. Die Unterdrückung setzte sich im Osmanischen Reich und nach dessen Untergang in der Türkischen Republik fort. Diese verbreitete Vorstellung bedarf der Korrektur, meint Markus Dreßler (44), Gastwissenschaftler am Göttinger Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften und Vertretungsprofessor für Religionswissenschaft in Bayreuth.

„Entstanden ist die Glaubensgemeinschaft im 16. Jahrhundert in Anatolien durch die Verschmelzung von zwei älteren Traditionen“, berichtet Dreßler. Sufigruppen, die dem Mystiker Haci Bektas Veli nahestanden, öffneten sich damals schiitischem Gedankengut. Grund war die Gründung der Dynastie der Safawiden im Iran im Jahr 1501, auf deren Seite sich kurdische und turkmenische Bektas-Veli-Anhänger stellten. Damit entfremdeten sie sich von den Osmanen, die mit den Safawiden um die Vorherrschaft im Osten Anatoliens kämpften. Die Osmanen wandten sich seinerzeit verstärkt dem sunnitischen Islam zu. Sie gingen gegen die Safawiden-Anhänger vor, die wegen ihrer roten Turbane Kizilbas („Rotköpfe“) genannt wurden.

Dreßler warnt aber davor, den religiösen Gegensatz überzubewerten. Die Osmanen entstammten selbst dem unorthodoxen Sufimilieu. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts seien sie in religiösen Fragen vergleichsweise offen gewesen. Sie hätten andersgläubige Untertanen weitgehend in Ruhe gelassen, sofern diese ihre Steuern zahlten. „Zur gleichen Zeit, als die Osmanen gegen die Kizilbas vorgingen, förderten sie die Gründung des Bektasi-Sufiordens“, erläutert Dreßler. Und: „So wollten sie insbesondere türkische Untertanen, die Bektas Velis Vorstellungen nahestanden, auf ihre Seite ziehen.

Der Bektasi-Orden übernahm die Militärseelsorge bei der osmanischen Elitetruppe der Janitscharen. Deren Mitglieder wurden rekrutiert, indem christlichen Familien auf dem Balkan Kinder in jungem Jahren weggenommen und islamisch erzogen wurden. Ohne jede Bindung an eine Großfamilie oder Ethnie waren die Janitscharen ausschließlich dem Sultan loyal.

„Erst in moderner Zeit wurden die Bektasi, die Kizilbas und andere Gruppen, die ähnlichen Glaubensvorstellungen anhängen, unter dem Oberbegriff Aleviten zusammengefasst“, berichtet Dreßler. Ein Grund dafür sei die Verstädterung nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen. In den Städten seien die Angehörigen der unterschiedlichen Gruppen erstmals in engeren Kontakt miteinander gekommen. Zuvor hätten sie in ihren Dörfern weitgehend unter sich gelebt.

„Viele Aleviten engagierten sich in den 60er und 70er Jahren in linken Gruppen, die der Religion insgesamt ablehnend gegenüberstanden“, berichtet Dreßler. Vom Gegner seien die linken Aktivisten aber trotzdem als Aleviten wahrgenommen worden. Auf diese Wurzeln hätten sie sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder besonnen. Die politisch desillusionierten Kommunisten seien damals an der Gründung alevitischer Vereine beteiligt gewesen. „Oft übernahmen sie die Leitung“, berichtet Dreßler. Sie betrachteten das Alevitentum weniger als Religion als vielmehr als eine humanistische, herrschaftskritische Philosophie, die Gerechtigkeit einfordere.

Von Michael Caspar

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