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Goethe „langsam und spät entdeckt“

Germanist Schöne schreibt neues Buch Goethe „langsam und spät entdeckt“

Es gibt Bücher, die einen Leser so sehr prägen, dass er sich noch Jahre später genau daran erinnert, wo und wie er sie las. „Noch immer fühle ich im Rücken den Stamm des Kastanienbaums, an dem ich mit meinem ,Robinson‘ lehnte“, sagt Albrecht Schöne schmunzelnd.

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Souveräner Gelehrter: Albrecht Schöne.

Quelle: Steiner

Er war sieben Jahre alt, als er sich mit dem Schiffbrüchigen auf die einsame Insel rettete, in Naumburg an der Saale. Dem literarischen Erweckungserlebnis sollte eine bemerkenswerte Karriere folgen: Der Robinson-Leser von damals ist einer der großen Germanisten unserer Zeit, mit Orden, Preisen und Ehrentiteln.

Seit 20 Jahren ist er emeritiert, doch noch immer hält er an der Universität im heimischen Göttingen seine wöchentliche Sprechstunde. Und in Hannover hat er bei der Goethe-Gesellschaft kürzlich einen Vortrag gehalten – den zwölften seit 1958. Mit seinen weißen Haaren sieht er aus wie eine Mischung aus Cicero und dem späten Ernst Jünger, als er unter dem Applaus seiner großen Fangemeinde ans Pult tritt. Federnd steht er da, lebendig gestikulierend, als er mit seiner markanten Stimme über „Goethe als Kriegskommissar“ spricht – verständlich, unterhaltsam, engagiert. So, wie er Germanistik sein Leben lang betrieben hat. Man merkt ihm die Lust an der Sprache noch immer an. Ein junger Mann von 85 Jahren.

Goethe diente in Weimar seit 1779 in der Kriegskommission. Er beriet seinen Herzog nicht nur in strategischen Fragen, sondern war höchstselbst auch fürs Umschneidern abgetragener Uniformen und die Musterung von Rekruten verantwortlich. Freilich wahrte er eine innere Distanz zum Kriegswesen: In einer Zeichnung hielt er selbst eine Musterungsszene fest, in der die Wehrwürdigen das „Thor des Ruhms“ durchschreiten – über dem ein lorbeergeschmückter Galgen prangt. Bei allem Respekt darf man wohl festhalten, dass Goethe als Bundesverteidigungsminister eher eine Fehlbesetzung gewesen wäre.

Schöne, der das Kriegsende als 19-jähriger Leutnant in einem Panzerregiment erlebte, scheint für Goethe da eine gewisse Sympathie zu hegen: „Ich habe selbst geschossen und getötet“, sagt er. „Ich gehöre zu der Generation, der diese Geschichten nachgehen bis ans Ende.“ Zwei Jahre nach dem Krieg hockte er in seinem abgerissenen Offiziersmantel in seiner ungeheizten Studentenbude und verschlang Kafka: „Gemessen an dem, was wir vorher lesen konnten, war das eine vollkommen andere Stimme.“ Die Literatur wurde zur entscheidenden Größe in Schönes Leben.

Kommt man mit dem Germanisten ins Plaudern, zitiert er en passant Lichtenberg, Hegel oder „den Alten“, wie er Goethe bisweilen nennt – nicht weihevoll und bedeutungshubernd, sondern weil es gerade passt. Literatur und Bildung sind ihm, was dem Fisch das Wasser ist: ein lebenswichtiges Element, in dem er sich selbstverständlich und unangestrengt bewegt. Man muss kein Kulturpessimist sein, um zu sehen, dass unser Zeitalter der Spezialisierung so umfassend gebildete Gelehrte wie ihn nicht mehr hervorbringen wird.

Er selbst hingegen zeigt einen gewissen Optimismus: „Man muss auch einem Medium wie der SMS Kredit geben, junge Autoren können da sehr kreativ sein“, sagt Schöne, der selbst auch mit Handy und Computer arbeitet: „Schließlich habe ich Enkel – das zwingt mich, E-Mails zu schreiben“, sagt er lächelnd. Er selbst hat sich allerdings einem gerade aussterbenden Medium verschrieben – dem Brief. Derzeit überarbeitet er nicht nur seinen berühmten „Faust“-Kommentar. Er schreibt auch an einem Buch über Goethes Briefe. Jedes Kapitel widmet sich einem Brief. „Ein Open-End-Unternehmen“, sagt er ohne falsche Scheu vor Anglizismen. „Erscheinen soll das Buch, wenn ich tot bin oder aufhöre zu schreiben.“ Dann wird seine Sekretärin das Manuskript an den Verlag schicken. Dass er das Schulterkopfen der Kritiker für sein Alterswerk möglicherweise nicht mehr erleben wird, stört ihn nicht: „Da ist mein Ehrgeiz gestillt“, sagt er mit der Souveränität dessen, der praktisch alles erreicht hat.

Seine ersten Meriten erwarb er sich als Barockspezialist, später beschäftigte er sich mit der Moderne. „Goethe habe ich eigentlich erst langsam und spät entdeckt“, sagt er, „als ich viel von dem gelernt hatte, das dazu nötig war.“ Wann man das richtige Alter für Goethe habe? „Wenn’s einen erwischt“, sagt Schöne. „Wenn man in seinen Texten von sich selber liest.“ Und wenn er Goethe eine Frage stellen dürfte, eine einzige nur – was würde er wissen wollen? „Ich würde ihm keine Frage stellen“, sagt Schöne. „Was ich wirklich wissen möchte, erfahre ich in seinen Schriften – und Texte wissen oft mehr als ihre Autoren.“

Von Simon Benne

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