Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Saure Trauben essen

Lesung von Yu Yiming Saure Trauben essen

Das chinesische Bildungssystem braucht eine Reform. Diese Meinung vertritt der chinesische Autor Yu Yiming in seiner Lesung am Dienstagabend in der Galerie Alte Feuerwache am Ritterplan. Er hat zwei Kurzgeschichten vorgelesen, die Studierende der Interkulturellen Germanistik übersetzt haben.

Voriger Artikel
Kostendruck auf Studenten steigt
Nächster Artikel
Ishihara referiert bei Jahrestagung
Quelle: gt

Göttingen. Fernöstliche Klänge erfüllen den Raum. Dozentin Nan Nan spielt auf der Guzheng, eine Art chinesische Zither, und trägt die Besucher der Lesung von Yu Yiming weg aus Göttingen und nach Nanjing in der Provinz Jiangsu. Hier spielen auch die Geschichten Yu Yimings. Masterstudierende der Interkulturellen Germanistik haben ihn, mithilfe des Goethe Instituts und des Konfuzius Instituts, zum Lesergespräch eingeladen.

Zweifel am System

Die Kurzgeschichten Yu Yimings beschäftigen sich vor allem mit dem Hochschulsystem in China und den Aufnahmeprüfungen der Universitäten. In der ersten Geschichte „Multiple Choice“ besucht der Protagonist, Onkel Ge, Xinmin, der mittlerweile Oberstufenlehrer ist und zuständig für Aufnahmeprüfungen. Der Besuch im Haus des Lehrers Xinmin bringt Ge viele Erkenntnisse über das chinesische Schulsystem. Xinmin macht die Fragen in den Prüfungen absichtlich so schwer, dass sie kaum zu beantworten sind. Er sagt: „Erst dadurch kann man das Niveau der Prüflinge sehen.“ Am Ende der Geschichte wird ihm diese Art von Denken zum Verhängnis.

In der zweiten Geschichte „Schulkranke“ beziehungsweise „Kranke auf dem Schulgelände“ geht es um einen Lehrer, der an einer neuen Schule unterrichten soll. Er bewundert die strenge, rigorose Lehre einer Kollegin. Als er jedoch ihre Tochter unterrichtet und ihren außergewöhnlichen Schreibstil bemerkt, der von der Mutter unterdrückt wird, beginnt er, an dem System zu zweifeln.

Suche nach verständlicher Übersetzung

Im Mittelpunkt des Abends stand die Suche nach der verständlichen Übersetzung vom Chinesischen ins Deutsche. Die Studierenden stellten sich die Frage, ob die Geschichten Yus wörtlich oder sinngemäß übersetzt werden sollten. Sie bildeten dementsprechend zwei Übersetzungsgruppen, die aus deutschen, italienischen und chinesischen Germanisten bestanden. Die Besucher der Lesung konnten zunächst der chinesischen Kurzgeschichte von Yu lauschen und dann den beiden Übersetzungen der Studierenden. „Die Deutschen von uns wollten die ganze Zeit deutsche Redwendungen anwenden“, erinnert sich Vorleserin Leonie Rösgen an die Schwierigkeiten während der Übersetzungen. Als Beispiel nennt sie das chinesische Sprichwort „saure Trauben essen“, was "eifersüchtig sein" bedeuten soll. Den Übersetzerinnen kam das Sprichwort „in den sauren Apfel beißen“ in den Kopf, was jedoch eine andere Bedeutung hat. Aus dem chinesischen „eine dunkle Gasse bis zum Ende laufen“ wurde zum Beispiel auch das deutsche, dem Kontext entsprechende „auf Teufel komm raus.“

Yu kritisiert in dem an die Lesung anschließenden Gespräch vor allem die Handhabung der geisteswissenschaftlichen Hochschulaufnahmeprüfungen: „In den Naturwissenschaften ist falsch falsch und dunkel ist dunkel. Bei der Literatur ist das nicht so einfach. Es herrscht eine große Ambivalenz.“ Zu seiner Zeit hätten es nur drei Prozent der Schüler an eine Universität geschafft. Er bemängelt das noten- und leistungsorientierte System, dass die Kreativität der Schüler unterdrücke. „Dass es Probleme gibt, kommt langsam auch bei den Entscheidungsträgern an. Mit meinen Geschichten möchte ich zu einer Reform beitragen, wir haben noch einen langen Weg vor uns“, sagt der Autor und Sekundarschullehrer.

Von Natascha Holstein

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Amnesty-Protest auf dem Campus