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Skelette unter der Brause

Campus-Ansichten Skelette unter der Brause

Unter der Brause reinigen Mitarbeiter der Göttinger Abteilung für Historische Anthropologie und Humanökologie Skelettfunde. Untersucht werden anschließend nicht nur die Knochen, sondern auch die abgespülte Erde. Das Tageblatt stellt den Waschplatz in Folge 58 der Reihe Campus-Ansichten vor.

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Mitarbeiterin Silja-Marie Schulz

Quelle: Peter Heller

Göttingen. „Knochenhaus“ lautet der neue Name des früheren Graduiertenkollegs, das hinter dem Gebäude des Instituts für Zoologie und Anthropologie an der Bürgerstraße 50 steht. 2015 übernahmen es die Anthropologen. Im breiten Flur stehen mehrere Tische nebeneinander. Studentin Silja-Marie Schulz breitet auf der großen Fläche den Inhalt einer Bananenkiste aus: zahllose, schmutzige Knochen. „Sie stammen von einem mittelalterlichen Gräberfeld aus Großförste bei Hildesheim“, erläutert Birgit Großkopf, die als Wissenschaftliche Angestellte die Anthropologische Sammlung betreut.

In stabilen Transportkartons, die Supermärkte kostenlos abgeben, liefern Archäologen ihre Funde an. Die einzelnen Skelettteile schlagen sie in der Regel noch einmal in Zeitungspapier ein. „Das verhindert, dass die feucht aus dem Boden kommenden Knochen anfangen zu schimmeln“, erläutert die Biologin, die ihre Dissertation 2004 über Leichenbrand schrieb. Das Geld für das Reinigen der Knochen und die anschließende Untersuchung werben die Archäologen zum Teil selbst ein. „Häufig übernehmen Sparkassen die Kosten“, sagt Großkopf. Im Fall Groß Förste sei ein Urnenhersteller aus einem Nachbarort eingesprungen.

Studentin Schulz breitet die menschlichen Überreste auf Zeitungspapier aus. Auch ein Schädel ist dabei. Er ist mit Erdreich gefüllt. „Das Sediment verhindert, dass der Schädel in seine Einzelteile zerfällt“, sieht Großkopf. Beim Reinigen werde sich das nicht verhindern lassen.

„Selten haften an Knochen aus dem Mittelalter noch Reste von menschlichem Gewebe oder von Textilien an“, sagt die Biologin. Wenn Katholiken mit einem Rosenkranz in den Händen beigesetzt würden, verhindere manchmal das Kupfer aus Metallteilen die Zersetzung organischen Materials.

Cam-SkeletteInstitut für Historische Anthropologie und Humanökologie, Bürgerstr. 50, GÖMontag, 19. Juni, 14.15 Uhr, Institut für Historische Anthropologie und Humanökologie, Bürgerstr. 50, Raum 1.112 (Eingang links am Gebäude/Hörsaaleingang), erster StockDr. Birgit Großkopf zeigt dem Waschplatz, an dem sie Skelette vor der Bearbeitung wäscht.

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In einem Nebenraum spült Studentin Schulz die ausgepackten Knochen mit der Brause ab. Das Sediment fängt sie auf. „Es kann Puppen von Insekten enthalten, die die Toten besiedelt haben“, erläutert Großkopf. Die Tiere legten während der Aufbahrung oder später in der Erde ihre Eier auf Leichnamen ab. Die Art der Insekten lasse Rückschlüsse auf die Jahreszeit der Beisetzung zu.

Die gereinigten Knochen legt Schulz auf Zeitungspapier zum Trocken aus. „Wir haben einen großen Bedarf an Altpapier“, erklärt Großkopf. Mitarbeiter sammelten es zuhause.

Die sauberen Knochen werden dann untersucht. „Wir gehören mit München und Tübingen zu den ganz wenigen Instituten in Deutschland, die sowohl die Gestalt der Knochen als auch das enthaltene Erbgut analysieren können“, erklärt die Wissenschaftlerin. Vor 30 Jahren hätten das noch viel mehr Einrichtungen angeboten. „Die Techniken, mit denen wir die Gestalt von Knochen untersuchen, gelten als altmodisch“, weiß Großkopf. Viele Universitäten pflegten sie daher nicht mehr.

Die Folge: Die Knochen bleiben stumm. „Die Knochenform liefert unter anderem Hinweise auf das Geschlecht, eine mögliche Mangelernährung in der Jugend, Krankheiten oder das Sterbealter“, führt die Biologin aus. Aus den Langknochen lasse sich auf die Körpergröße schließen, aus den Armknochen auf Rechts- oder Linkshändigkeit.

„Aus der Analyse der Gene lassen sich darüber hinaus Verwandschaftsverhältnisse zu anderen Personen bestimmen“, sagt Großkopf. Das Erbgut liefere Hinweise auf die regionale Herkunft des Toten. Da Knochen gut durchblutet seien, fänden sich in ihnen meistens Blutreste. In ihnen ließen sich teilweise Krankheitserreger entdecken. „Es lässt sich auch die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten herausfinden“, weiß die Wissenschaftlerin.

1000 Skelette aus Lübeck

Über 1500 Schädel verfügt die Sammlung des Göttinger Abteilung für Historische Anthropologie und Humanökologie. An der Bürgerstraße 50 lagern zudem 1000 Skelette, die aus einem Lübecker Massengrab stammen. Es wurde im 14. Jahrhundert angelegt, als Pest und Hunger die Bewohner der Stadt dahinrafften. Hinzu kommen weitere 1000 Skelette anderer Fundorte. „So große Sammlungen gibt es in Deutschland kaum“, sagt Birgit Großkopf, die die Bestände betreut. Das mache Göttingen etwa für Wissenschaftler des renommierten Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie interessant.

„Wir bekommen zudem ständig neue Knochenfunde, die die Grundlage für die Forschungsarbeit des Instituts bilden“, berichtet die Anthropologin. Ein Teil werde nach Reinigung und Untersuchung bestattet, der Rest im Magazin eingelagert.

Um die menschlichen Überreste aufbewahren zu können, übernahmen die Wissenschaftler 2015 das ehemalige Graduiertenkolleg. Das alte Knochenhaus betreiben sie weiter. In diesem Gebäude züchtete die Universität früher Affen. Um das Jahr 2000 erhielten es die Anthropologen. mic

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