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Göttinger Forscher vollenden erste umfassende Märchen-Enzyklopädie

Rotkäppchen ist die Nummer 333 Göttinger Forscher vollenden erste umfassende Märchen-Enzyklopädie

Es war einmal ein junger Volkskundler, der sich 1971 als wissenschaftliche Hilfskraft an der Göttinger Universität verdingte. Durch eine Fügung des Schicksals wurde er einer von vier Redakteuren eines weltweit einzigartigen Mammutprojekts: Die Forscher zogen aus, die erste umfassende Enzyklopädie des Märchens zusammenzutragen.

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Hier steht die Zeit still: Märchenforscher Hans-Jörg Uther in seinem tannengrünen Archiv.

Quelle: Robin Reinhardt

43 Jahre später ist das Werk vollendet. Der junge Volkskundler von damals ist heute Professor, 70 Jahre alt und eigentlich seit fünf Jahren im Ruhestand.

Doch für sein Lebenswerk leitet Hans-Jörg Uther die Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften weiter, bis ein Registeranhang im kommenden Jahr die 14 Bände des im Wissenschaftsverlag Walter de Gruyter veröffentlichten Nachschlagewerks abrunden wird.

Die Göttinger Altstadt versetzt in Märchenstimmung

Es ist ein Unikum in der für Kurzzeitverträge berüchtigten Geisteswissenschaft, über mehrere Jahrzehnte mit einem fast gleichbleibenden Mitarbeiterstamm forschen zu können. Uther hat selbst 138 der rund 4000 Artikel verfasst und dem Projekt sein ganzes Arbeitsleben gewidmet. Wenn er darüber spricht, klingt er, als wäre ihm ein Schluck aus dem Wunschbrunnen zuteil geworden.

Man muss schon durch die Göttinger Altstadt mit den krummen Fachwerkhäusern und den Glühweinbuden rund um den Gänseliesel-Brunnen schlendern, um in Märchenstimmung zu kommen. Der orangefarbene Linoleumboden im Kulturwissenschaftlichen Zentrum der Georg-August-Universität wirkt wenig verwunschen. Doch beim Stöbern in der Enzyklopädie breiten sich phantastische Welten aus.

Allein die Stichwortliste von „Abwehrzauber“ bis „Zwerg“ animiert zu einer Reizwortgeschichte, Motive wie „Brücke zur anderen Welt“, „Bürgschaft“, „Faulheitswettbewerb“, „Geistermesse“, „Rettung aus dem Brunnen“ oder „Unterwasserwelt“ wecken mannigfaltige Assoziationen. Der Leser bekommt Lust nachzuschauen, was sich etwa hinter einem „Halslöserätsel“ verbirgt: Ein vom Tode Bedrohter ersinnt ein unlösbares Rätsel und rettet damit sein Leben – ein Motiv, das sich sowohl in einer alten Sage aus dem Burgenland als auch in J. R. R. Tolkiens „Hobbit“-Roman findet.

„Wir verstehen Märchen wie die Brüder Grimm als Sammelbegriff für Volkserzählungen von Zaubermärchen über Sagen, Schwänke und Legenden bis zu Witzen“, erklärt Uther. Auch biblische Stoffe tauchen auf, die als „Predigtmärlein“ zur Belehrung und Unterhaltung der Gemeinde in den Gottesdienst eingestreut wurden und Eingang in den Erzählschatz fanden.

Der Elfenkönig Oberon trifft auf die Hexe Baba Jaga

Die Enzyklopädie versammelt abstrakte Begriffe wie Ambivalenz und Anthropomorphisierung, Gattungen wie Ketten- oder Kunstmärchen und Persönlichkeiten von dem romantischen Dichter Adelbert von Chamisso bis zu Walt Disney, der mit seinen Zeichentrickfilmen das Bild von „Cinderella“ und Co. prägte. Auch unflätige Begriffe wie „Arsch“, „Dauerpisser“ und „Furz“ fehlen nicht.

Im Märchen geht es eben mitunter derbe zu – oder auch grausam, wie „Menschenopfer“, „Vergewaltigung“ und „Folter“ belegen. Dem gängigen Schema der Märchenethik „Gut und Böse“ sind überraschenderweise nur sieben Spalten gewidmet, dem „Fuchs“ hingegen gleich 90.

Neben altbekannten Märchenfiguren wie „Frau Holle“, dem sagenhaften „Klabautermann“, dem Elfenkönig „Oberon“ oder der slawischen Hexe „Baba Jaga“ finden sich auch unerwartete Namen wie „Alexander der Große“. Der Herrschertitan ist laut Uther „eine der lang nachwirkenden Kristallisationsfiguren abenteuerhafter Erzählungen, von denen viele wie die Geschichte um das Zerschlagen des Gordischen Knotens noch heute bekannt sind“.

Europäische Geschichten stehen im Vordergrund, doch das Stichwort „Affenherz als Heilmittel“ ist ein Beispiel für ein interkontinental verbreitetes Tiermärchen.

Viel läuft über Email

An der Enzyklopädie lässt sich ablesen, wie unterschiedliche Kulturen ähnliche Erzählmuster entwickelten. Der „Fischdiebstahl“ taucht unter anderem in finnischen, afrikanischen, mayanischen, jüdischen und indischen Geschichten auf. Und das Rapunzel-Motiv (Mann klettert an Wand hinauf, um zu begehrter Frau zu gelangen) gibt es auch im Japanischen.

Einzelne Artikel aus den ersten Bänden sind inzwischen überholt, etwa über „Computeranalyse“. Doch im jüngst erschienenen Band 14 wird zeitgenössischen Entwicklungen mit Einträgen von „Zombies“ über „Fantasy-Rollenspiele“ bis „Manga“ Rechnung getragen.

Der Keller des Kulturwissenschaftlichen Instituts hingegen scheint seit den Siebziger Jahren in einen Dornröschenschlaf gefallen zu sein. In einem langen Gang reihen sich nummerierte Kästen aneinander. Sie haben das Grün von Tannen – ein Zauberwald für Forscher. Aufgeregt zieht Uther einen nach dem anderen aus dem Regal. „Ah, Nummer 751G*, das ist eine Geschichte über Brotfrevel, der spielt in Sagen und Legenden eine große Rolle!“, ruft er aus.

In Zeiten von digitaler Speicherung scheint das Göttinger Archivsystem mit 120 000 fotokopierten Zettelkästen und mit Bleistift beschrifteten Leitzordnern aus der Zeit gefallen zu sein. Gleichzeitig vermittelt diese physisch greifbare Sammlung sehr eindrucksvoll ein Gefühl davon, wie viel Gelehrtenherzblut in dieses Projekt geflossen sein muss.

Uther deutet auf ein Regal: „Hier versammeln wir die Korrespondenzen mit den Autoren aus den ersten Jahren. Heutzutage läuft natürlich viel über Email. Da kann einiges verloren gehen, weil man nicht alles ausdruckt.“ Der Professor hat eine Art internationales Köchelverzeichnis für Erzähltypen perfektioniert. Rotkäppchen ist bei ihm die Nummer 333, hinter 1 bis 299 verbergen sich Tierfabeln.

„Das Märchen ist aus, da läuft eine Maus“

Im kommenden Jahr wird Uther seine Liste mit mehr als 70 Buchveröffentlichungen um eine über die Revision der Märchentypologie erweitern. „Das wird ein Standardwerk, es gibt kaum jemanden, der dies zusammenstellen kann“, sagt er.

In der Göttinger Innenstadt erinnert nur mehr eine Marmortafel an die Brüder Grimm. Das Wohnhaus der berühmten Märchenforscher wurde vor Jahren abgerissen. Uther und seine Mitarbeiter setzen die Arbeit der Grimms fort, die zwischen 1830 und 1837 an der Georg-August-Universität lehrten.

„Sie waren die Ersten, die internationale Geschichten in Beziehung setzten, und begründeten damit die historisch-vergleichende Forschungstradition, in der auch wir stehen“, erklärt Uther. Es sei ein Irrglauben, dass die meisten Märchen mit der Wendung „Und wenn sie nicht gestorben sind ...“ enden. Das sei ein Spezifikum der grimmschen Sammlung. In der Welt der Märchen gebe es ganz verschiedene Schlussformeln. Eine davon lautet: „Das Märchen ist aus, da läuft eine Maus.“

Die 14 Bände der Enzyklopädie umfassen rund 4000 Artikel sowie 10 000 Seiten.
  • Mitarbeiter: Die 800 Autoren kommen aus mehr als 60 Ländern. Der Begründer ist der Erzählforscher Kurt Ranke.
  • Finanzierung: Das Forschungsprojekt wird zu gleichen Teilen vom Land Niedersachsen und dem Bund getragen, die genauen Kosten werden nicht öffentlich gemacht. Ende 2015 läuft die Förderung aus, das Archiv kann weiter öffentlich genutzt werden. Das gilt auch für die umfangreiche Bibliothek, zu der Originalausgaben der grimmschen Märchen gehören.
  • Preis: Die Auflage beträgt 3000. Der aktuelle Band 14 kostet 379 Euro. Die ersten sechs Bände gibt es als Taschenbuch antiquarisch für 120 Euro.
  • Zielgruppe: Die Enzyklopädie richtet sich nicht nur an Wissenschaftler auch viele Laien lesen  die Bände wie einen Roman lesen.

Von Nina May

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