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Göttingen Historiker analysiert geheimes Buch
Campus Göttingen Historiker analysiert geheimes Buch
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12:01 01.04.2018
Entbindungs-Hospital in Göttingen Quelle: R
Göttingen

1751 gründete die Universität Göttingen ihre Geburtsklinik. Hauptzweck war die Ausbildung der Medizinstudenten und Hebammen. Hilfsbedürftigen Gebärenden eine Zuflucht zu gewähren, war nur Nebenzweck, so Schlumbohm in seiner Einführung. Durchweg waren dies unverheiratete, arme Mägde oder Dienstmädchen, die sich dann auch diversen Untersuchungen zur Verfügung stellen mussten.

Dass daneben auch bemittelte Frauen aufgenommen wurden, die für Unterkunft und Betreuung bezahlten und so das Recht erkauften, anonym zu bleiben, war bekannt, schreibt Schlumbohm. Dadurch blieben diese Fälle praktisch unsichtbar. Nun aber hat der Historiker ein geheimes Buch mit Aufzeichnungen der Ärzte Friedrich Benjamin Osiander, Prof. Ludwig Mende und Professor Edurad von Siebold gefunden. In mühevoller Feinarbeit hat er geschwärzte Stellen entschlüsselt und interessante Fallstudien zusammen getragen.

Eifrige Geheimhaltungsstrategien

Wie gingen im 18. und 19. Jahrhundert Frauen und Männer der gehobenen Schichten mit den Problemen einer Liebe außerhalb der Ehe um? In bürgerlichen und adligen Familien seien die Folgen eines Fehltritts gravierender gewesen, schreibt Schlumbohm. War trotzdem etwas passiert, seien eifrige Geheimhaltungsstrategien entwickelt worden. Osiander, Leiter des Hospitals hatte viel Verständnis für die missliche Lage der Frauen und Männer. In separaten Zimmern, zum Teil in Osianders Privathaus, konnten vermögende Frauen entbinden. Getauft wurde das Kind im Haus, die Mütter konnten einen Namen ohne weitere Überprüfungen angeben. Im Register der Klinik tauchen die Frauen nur als „unbekannte Person“ auf. Das war damals ausdrücklich erlaubt.

Prof. Jürgen Schlumbohm Quelle: Christina Hinzmann

In manchen Fällen konnte Schlumbohm anhand der Daten und wieder kenntlich gemachten Eintragungen verhältnismäßig ausführliche Biografien recherchieren. Als erste heimliche Geburt hält Osiander die einer Madame aus Kursachsen in seinem geheimen Buch fest. Die Adlige war offenbar schwanger von einem sächsischen Husarenlieutenante, der 30 Reichstaler für die ersten Pflegegelder für das Kind zahlte und dann verschwand. Madame gebar im den Privaträumen Osianders einen gesunden Jungen, der nach Nörten in die Küsterfamilie gegeben wurde. Schlumbohm fand hier Namen und biografische Daten aller Beteiligten (Ehefrau, Ehemann, Geliebter, Pflegeeltern) und fügt sie zu einer lesenswerten Geschichte zusammen.

Andere Beispiele berichten von einer Frau, die den Sohn eines berühmten Göttinger Gelehrten wegen rückständiger Alimente verklagte. Und dem Fall eines Superintendenten, der nach vier Jahren Witwerschaft, seine Haushälterin heiratet. Leider hatte sich die Hochzeit wegen des Einspruchs einiger Verwandten verzögert. Und die Schwangerschaft war schon sehr weit fortgeschritten. Er bitte nicht nur um eine geheime Geburt in Göttingen, so der Geistliche, sondern auch darum, die Geburtsdaten weiter ins Jahr hinein zu korrigieren und Mutter und Kind solange in Kost und Logis aufzunehmen. Das Kind starb allerdings kurz nach der Geburt, die Personenstandanzeige hält aber ausdrücklich eine Frühgeburt fest.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden geheime Geburten schwieriger, der Staat verweigert seinen Bürger das recht ohne geklärte Abkunft auf die Welt zu kommen.

„Verbotene Liebe, verborgene Kinder“ ist im Göttinger Wallstein Verlag erschienen. Quelle: r

Jürgen Schlumbohm, „Verbotene Liebe, verborgene Kinder. Das geheime Buch des Göttinger Geburtshospitals 1794-1857“. Wallstein Verlag Göttingen, 192 Seiten, 20 Abbildungen, 20 Euro.

Von Christiane Böhm

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