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Göttinger Institut untersucht Pegida

Demokratieforschung Göttinger Institut untersucht Pegida

Eine neue Untersuchung des Göttinger Instituts für Demokratieforschung wirft eine Reihe von Schlaglichtern auf die Pegida-Bewegung. Ein Ergebnis: Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ scheinen einen relativ stabilen Kern zu haben.

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Teilnehmer einer Pegida-Demo im Oktober 2015 vor der Dresdener Semperoper.

Quelle: dpa

Göttingen. Trotz einiger Skandale und Personalwechsel erfreuten sich die montäglichen Demonstrationen in Dresden einer unverminderten Kontinuität, heißt es  in einem Beitrag eines Autorenteams. Er beruht auf der Auswertung von rund 600 Fragebögen, die Pegida-Anhänger im November ausgefüllt hatten. Danach geben knapp 60 Prozent von ihnen an, seit mindestens einem Jahr regelmäßig mitzumarschieren.

 
Drei Viertel der Umfrage-Teilnehmer sind Männer, 58 Prozent verheiratet. Fast ein Viertel verfügt nach eigenen Angaben über einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Rund 50 Prozent sind voll erwerbstätig, ein Drittel bezieht Rente. Von den sozial ausgegrenzten prekarisierten Schichten finde sich nach wie vor kaum eine Spur, heißt es in dem Beitrag der Forscher.

 
Sie entdecken zudem im Vergleich zu Anfang 2015 deutliche Radikalisierungstendenzen im Hinblick auf antidemokratische Einstellungsmuster. Die Dimensionen des Misstrauens gegenüber der Demokratie, der politischen Führung und den öffentlich-rechtlichen Medien hätten deutlich zugenommen. Auch die parteipolitische Orientierung der Umfrage-Teilnehmer hat sich deutlich verschoben. Knapp 32 Prozent gaben an, bei der Bundestagswahl 2013 die AfD gewählt zu haben. Zum Zeitpunkt der Umfrage wollten dies jedoch 77 Prozent tun. Die etablierten Parteien spielten praktisch keine Rolle mehr.

 
Nach einer ersten Befragung im Januar 2015 hatten die Forscher bei einer Demonstration im November erneut Pegida-Anhänger befragt. Im Januar hatten die Demonstranten Einladungen zu einer Online-Umfrage erhalten, im November Fragebögen und frankierte Rückumschläge. In beiden Fällen konnten die Pegida-Anhänger anonym antworten. Von rund 1800 Fragebögen kamen laut Untersuchung gut 600 zurück. Damit sei der Rücklauf deutlich höher als im Januar, auch wenn es sich nach wie vor nicht um eine repräsentative Studie handele.

„Muslime werden als religiöse Fanatiker wahrgenommen“

Nachgefragt... bei Christopher Schmitz, Institut für Demokratieforschung

Quelle: EF

Nach den Ergebnissen Ihrer erneuten Studie scheint die Pegida-Bewegung zählebiger zu sein, als es zunächst den Anschein hatte. Was sind die Gründe dafür?
Die Gründe dafür sind vielschichtig. Es fällt auf, dass ein Großteil der Demonstranten seit über einem Jahr regelmäßig zu den Pegida-Veranstaltungen geht, jedoch hat die verstärkte Ankunft von Flüchtlingen in Deutschland, anders als erwartet, kaum zu einem vermehrten Zulauf von Demonstrationsteilnehmern geführt. Wenn man jedoch vor Ort ist, sich unter die Demonstranten mischt und dadurch auch Gesprächsfetzen mitbekommt, fällt auf, dass die Pegida-Demonstrationen für viele Menschen eine wichtige soziale Funktion erfüllen: Die Spaziergänge stiften so etwas wie Gemeinschaftssinn. 

 
77 Prozent der Teilnehmer an Ihrer Umfrage würden bei einer Bundestagswahl derzeit die AfD wählen. Wieso hat diese Partei trotz Spaltung und innerer Querelen weiterhin ein so hohes Ansehen in der Pegida-Bewegung?
Hier spielen sicherlich die Anziehungskraft und die Ausstrahlung der AfD als wörtliche Alternative eine wichtige Rolle. Die AfD ist per Ausschlussverfahren für die meisten Pegida-Anhänger die einzige Partei, in denen sie ihre politischen Vorstellungen inhaltlich wiederzufinden glauben. Die bei Pegida weitverbreitete Unzufriedenheit mit der bundesrepublikanischen Demokratie ist mit der AfD-Rhetorik gegen die „Konsensparteien“ sehr gut vereinbar.

 
Ein Viertel der Umfrage-Teilnehmer verfügt über einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Von sozial ausgegrenzten Schichten findet sich laut Ihrer Studie bei Pegida kaum eine Spur. Warum fühlen sich die Pegida-Demonstranten trotzdem allein gelassen und fordern autoritäre Problemlösungen?
Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen dem erreichten Bildungsgrad und dem Protestengagement allgemein. Wer einen Universitätsabschluss hat, geht, so die Erfahrung, deutlich häufiger demonstrieren. Das war bei Stuttgart 21 so, das war bei den Protesten gegen TTIP in Berlin oder bei Occupy in Frankfurt am Main ähnlich. In diesem Fall haben wir es allerdings mit einer sozialen Mitte zu tun, die fürchtet, was sie nach 1990 unter nicht ganz einfachen Bedingungen erreicht hat, wieder zu verlieren.

 
Sie schreiben in der Studie, zu Beginn habe es in der Pegida-Bewegung ein eher allgemeines Unbehagen gegenüber dem „fremden“ Islam gegeben. Mittlerweile seien die Vorbehalte deutlich konkreter geworden. Wie äußert sich das?
Erinnern Sie sich beispielweise an die ersten Bilder aus Dresden: Das schwarz-rot-golden lackierte Holzkreuz wurde medial ähnlich präsentiert wie das Schild, die GEZ-Gebühr solle abgeschafft werden. Während islamfeindliche Positionen zur Anfangszeit von Pegida noch ein Symbol für Unbehagen neben anderen war, dominieren jetzt deutlich plastischere Vorstellungen von Muslimen: Sie werden als „nicht integrierbar“ und religiöse Fanatiker wahrgenommen. „Der Islam“ ist nicht mehr nur ein Synonym für äußere Gefahren, sondern gilt Pegida als die zentrale Bedrohung für Deutschland und Europa.
 
Sie waren selbst in Dresden, um Fragebögen zu verteilen. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit Pegida-Demonstranten gemacht?
Überraschend war die beinahe gelöste Stimmung der Demonstranten in Dresden. Gerade im Vergleich zum Januar 2015, als wir das erste Mal auf einer Pegida-Demonstration waren, ist uns im Verlauf der Umfrage im November mit deutlich weniger Misstrauen, Skepsis oder Verachtung begegnet worden. Auch war die Auskunftsbereitschaft deutlich höher, als wir zunächst erwartet hatten. 

 
 Interview: bar

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