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„Zwischen sämtliche Stühle setzen“

Roman von Siegfried Lenz entdeckt „Zwischen sämtliche Stühle setzen“

Anfang März ist ein unbekannter Roman von Siegfried Lenz herausgekommen, betitelt „Der Überläufer“. Das vor 65 Jahren geschriebene Buch, jetzt auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste, haben drei Göttinger Wissenschaftlerinnen im Deutschen Literaturarchiv Marbach entdeckt.

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Prof. Heinrich Detering und Dr. Maren Ermisch.

Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen. Als die drei Germanistinnen Dr. Maren Ermisch, Dr. Astrid Roffmann (Arbeitsstelle Prof. Detering) und Dr. Julia Benna (Junior-Professorin an der Humboldt-Universität Berlin) im vergangenen Jahr nach Marbach fuhren, ahnten sie noch nichts von der Sensation. Die Vorgeschichte: Ende 2013 hatte der Göttinger Germanist Prof. Heinrich Detering mit Günter Berg, Lektor des Hamburger Verlags Hoffmann und Campe, verabredet, eine Auswahl von Essays von Siegfried Lenz neu herauszugeben. Der Essay-Band - inzwischen erschienen unter dem Titel „Gelegenheit zum Staunen“ - gab den Anstoß zu einem zweiten, größeren Projekt, nämlich einer Lenz-Werkausgabe.

Als sich Daniel Kampa, Chef des Verlags Hoffmann und Campe, auch noch bereit erklärte, eine Mitarbeiterstelle für diese Edition zu finanzieren, konnte das Projekt in Angriff genommen werden. Das Material stand schon bereit. Denn Siegfried Lenz hatte noch zu seinen Lebzeiten all seine Manuskripte, Typoskripte, den dazugehörigen Briefverkehr und weitere Archivalien dem Deutschen Literaturarchiv Marbach als „Vorlass“ übergeben.

Dort füllen sie knapp 20 der legendären grünen Marburger Archivkästen, dazu noch etliche Umzugskartons. Mit dem Auftrag, dieses Material zu sichten, begaben sich Ermisch, Roffmann und Benna in die klimatisierten Keller des Marbacher Archivs und untersuchten Kasten auf Kasten. Eine Woche hatten sie sich dafür Zeit genommen - und fanden am zweiten Tag unter „vielen, vielen Typoskripten“ (Ermisch) plötzlich einen Text, den sie nicht kannten. Schnell wurde ihnen klar, dass dieses Typoskript nicht zu den veröffentlichten Lenz-Werken gehörte. „Wir haben einen Roman gefunden“, mailten sie umgehend begeistert nach Göttingen.

Und sie fanden auch das Manuskript, die erste Fassung des Romans, in zwei Heften. Anfangs hieß er „… da gibt’s ein Wiedersehen“, später „Der Sumpf“, in einer weiteren Fassung „Der Tod macht die Musik“. Die endgültige Fassung erhielt dann den Titel „Der Überläufer“. Darüber hatte es 1951 eine lebhafte Korrespondenz zwischen Lenz und seinem Verlag gegeben.

Letztlich lehnte Lektor Otto Görner eine Veröffentlichung ab mit der Begründung, es sei „äußerst gefährlich, den Roman im bisherigen Zustande zu publizieren“. Mit seinen „pazifistischen, defaitistischen Gedankengänge[n]“ würde sich der Verfasser „zwischen sämtliche Stühle setzen“. Das war in der Adenauer-Ära nicht opportun.

Jetzt, 65 Jahre später, hatte der Roman eine Startauflage von 50 000 Exemplaren. Und Verleger Kampa kommt, so berichtet dpa, „mit dem Nachdrucken gar nicht mehr nach.“

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