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Göttingen Studentin gewinnt Preis für schlechteste Hausarbeit Deutschlands
Campus Göttingen Studentin gewinnt Preis für schlechteste Hausarbeit Deutschlands
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08:41 30.11.2018
Recherche- und Arbeitsort für Hausarbeiten: die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB). Quelle: scheiwe
Göttingen

Die Universität hat den Exzellenzstatus verfehlt, eine ihrer Studentinnen herausragende Leistungen auf einem zweifelhaften Gebiet bewiesen: Alina G. hat den mit 500 Euro dotierten Preis für die schlechteste Hausarbeit Deutschlands gewonnen. Mit ihrer Beteiligung an dem Wettbewerb hat die 22-Jährige Mut zur Selbstironie bewiesen und sich gegen bundesweit 93 Bewerber durchgesetzt.

Zum zweiten Mal wurde der „4,0-Award für außerordentliches akademisches Scheitern“ vom Berliner Magazin „ZurQuelle“ vergeben. Die ehrenamtlichen Macher des Magazins für Gesellschaftskritik und Popkultur haben laut Mitarbeiterin Yana Duckwitz ein hedonistisch-augenzwinkerndes Selbstverständnis: „Wir kommen alle aus einem akademischen Kontext, nehmen uns aber nicht so ernst.“ Das gilt auch für Alina G., die zu ihrem Scheitern in Würde steht: „Ich kann wirklich sagen, dass das der größte Mist ist, den ich je geschrieben habe.“ „Not amused“ sein über die Preisverleihung dürfte man hingegen am Göttinger Seminar für englische Philologie.

Eheberatung statt Literaturanalyse

Auf die Schnapsidee, sich zu bewerben, hätten sie Freunde bei einem Spieleabend gebracht, erzählt die Preisträgerin. Die gerade noch bestandene Seminar-Abschlussarbeit der Anglistik-Studentin kreist um eine Analyse des Romans „Middlemarch“ von George Elliot und trägt den sperrigen Titel „The individual fight for the preservation of the marriage of Casaubon, and Dorothea poisons their relationship, and themselves (sic!)“. Zur Jury des 4,0-Awards gehörten Youtuber, Influencer, Schauspieler, Studierende und die Berliner Vorsitzende von „Die Partei“. Mit „10/10 sich im Grab umdrehenden viktorianischen Autorinnen“ bewertete Jury-Mitglied und „Worst of Chefkoch“-Gründer Lukas Diestel die Hausarbeit. Weitere Jury-Mitglieder empfehlen der Studentin eine Festanstellung auf eheberatung.org, falls es mit der literaturwissenschaftlichen Karriere nicht hinhauen sollte. Die Arbeit lese sich eher wie eine besorgte Eheberatung als wie eine Literaturanalyse. Lob gab es von Ariana Babrie vom Podcast „Herrengedeck“: „Die Hausarbeit liefert aufschlussreiche Fakten zu Problemlösungen in Paarbeziehungen, zur Geschichte der Scheidung und Stressbewältigung im Allgemeinen.“

Auf dem zweiten Platz landete übrigens eine Studentin aus Frankfurt mit der Arbeit „Overlook Hotel –Willkommen im Hotel Übersehen (und Überhören)“. Den dritten Platz belegte ein asiatischer Student aus Aachen, der sich selbst den Spitznamen Tsunami gegeben hat. Seine Arbeit „Anpassungen der Pflanzen an saisonale Trockenheit“ wurde von der Jury bewertet als „so offensichtlich plagiiert, dass man sich fragen muss, wieso diese Person nicht auch den Kindergartenabschluss rückwirkend aberkannt bekommen hat.“

Kritik an Leistungsgesellschaft

Mit dem 4,0-Award verfolgen die Magazin-Macher durchaus auch ernsthafte Ziele – mit doppelter Stoßrichtung, die nicht frei von Ambivalenz ist: Kritik an der Leistungsgesellschaft, die seit den 1970er-Jahren aus der Mode gekommen ist, aber auch Kritik an einem Bildungssystem, das Leistung im Weg stehen kann. „Der Vierkommanull-Award soll das Gegengewicht zu den überzogenen Erwartungen von Eltern und der Gesellschaft sein“, sagt Duckwitz. Er solle zeigen, dass es noch Studierende gibt, die die Selbstoptimierung nicht über das Seelenheil stellen würden und die keine Lust hätten, sich den akademischen Strukturen zu beugen und jede Deadline einzuhalten. Mit dem Preis solle aber auch auf Mängel bei der Betreuung Studierender und die unzureichende Evaluation ihrer Arbeit hingewiesen werden. Offensichtlich schlechte Arbeiten würden häufig weiterkommen als sie es verdient hätten.

Duckwitz freut sich, dass „auch in diesem Jahr ein so großer Teil des akademischen Bodensatzes bereit war, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren“. Die Preisverleihung soll im Januar in Berlin stattfinden: „Es wird sehr viel Schnaps geben.“

Von Kuno Mahnkopf

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