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Göttingen Diskussion über Integration
Campus Göttingen Diskussion über Integration
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16:15 09.08.2018
Göttinger Studierende mit Migrationshintergrund diskutieren über Integration. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Seitdem Mesut Özil vor zwei Wochen seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft erklärt hat, teilen Tausende Deutsche mit Migrationshintergrund unter dem Hashtag #metwo auf Twitter ihre Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus im Alltag. Wie empfinden Göttinger Studenten mit Migrationshintergrund die aufgeflammte Integrationsdebatte?

„Man kommt hier auf die Welt und denkt in erster Linie gar nicht darüber nach: Muss ich mich hier anpassen?“, sagt Baturalp Dincel. Diese Forderung gehe von der Öffentlichkeit aus. Dadurch werde man gezwungen, sich selbst Fragen nach Herkunft und Identität zu stellen. So wird etwas zum Thema, das vorher im eigenen Empfinden eigentlich keine Rolle gespielt hat.

Deshalb ist für Cenk Sancak die eigentliche Frage: „Wie sehr möchte eine Gesellschaft einen hier akzeptieren?“ Da sie hier geboren wurden, hätten sie die Werte und Gepflogenheiten automatisch aufgenommen.

Kaanhan Öngel ist trotzdem froh über die angestoßene Debatte. „Da geht es um Sachen, die mir persönlich schon lange auf der Seele brennen.“ Auch Tuğçe Özkan findet, dass #metwo einen wichtigen Beitrag leistet, allein um zu erfahren, was Einzelne durchmachten und wie oft solche Erlebnisse im Alltag vorkämen. Sancak hingegen hat die Berichterstattung der Medien als schwarz-weiß und damit als wenig förderlich empfunden. Der 28-Jährige sieht den gesellschaftlichen Frieden in Gefahr – auch weil es in den vergangenen Jahren einen Rechtsruck gegeben habe.

Erfahrung mit Diskriminierung und Rassismus haben alle sechs gemacht. Öngel erzählt, dass er in der dritten Klasse in Deutsch eine Vier gehabt habe, womit seiner Mutter nicht einverstanden gewesen sei. Darauf angesprochen, habe seine Lehrerin auf dem Elternabend zu seiner Mutter gesagt: „Wieso? Eine Vier ist doch nicht schlecht für einen Türken.“

Doch nicht nur in Deutschland ist die Heimat ihrer Eltern oder Großeltern von Bedeutung. Özkan erzählt, dass sie sich eher in der Türkei ausgegrenzt gefühlt hat, zum Beispiel, wenn sie belächelt worden sei, weil sie etwas falsch ausgesprochen habe. In Deutschland sei man der Deutsch-Türke, in der Türkei der „Deutschländer“. „Man ist irgendwie zwischen diesen zwei Welten gefangen“, sagt Öngel. Er findet: „Integration muss sein, Assimilation auf keinen Fall.“ Allerdings werde beides in der Gesellschaft oft verwechselt, ergänzt Dincel.

Im Gegensatz zu seinen Kommilitonen, die alle unter anderem auch Turkologie studieren, sind Kenan Berk seine kulturellen Wurzeln nicht wichtig. Er meint, die Menschen sollten sich ganz von nationalen Identitäten lösen. Warum ein Mensch ist wie er ist, lasse sich dadurch nicht erklären, im Gegenteil, es befördere nur „nationale Schubladen“.

„Wenn ich mit Menschen rede, die nur darauf warten, dass ich einen Fehler mache, denke ich zehnmal über einen Satz nach, bevor ich den ausspreche“, erzählt Berk. Die angenommene Wahrnehmung des Gegenübers ist dabei ein ständiger, ein anstrengender Begleiter. Das verändere einen. Man werde vorsichtig, verhalte sich geradezu künstlich. Das mache es schwer, Beziehungen aufzubauen.

Besonders verletzend sei es, konstant stellvertretend Stellung beziehen müssen für Dinge, die in der Türkei passierten. Dann werde er zum Beispiel gefragt: „Was macht dein Präsident Erdoğan wieder?“, sagt Öngel. Die anderen nicken. „Warum muss ich mich rechtfertigen, ich wirke da doch nicht mit.“ Mittlerweile spreche er im Freundeskreis nicht mehr über Politik. Dazu käme, dass die türkische Regierung viel kritischer beobachtet werde als beispielsweise die von Viktor Orbán in Ungarn oder von Jarosław Kaczyński in Polen. Und wenn Oliver Kahn sich mit einem saudischen König ablichten ließe, gebe es kaum Beschwerden, obwohl es dort mit den Menschenrechten auch nicht weit her sei. Hier werde mit zweierlei Maß gemessen, eine Doppelmoral vertreten, meint der 22-Jährige. „Dann fühle ich mich in gewisser Weise angegriffen.“

Noch bis vor drei, vier Jahren habe er ganz anders empfunden, sagt Öngel. Doch durch die Entwicklung in den vergangenen Jahren frage er sich mittlerweile, wie lange er noch in Deutschland leben wolle. Er fühle sich in eine Rolle gedrängt, aus der er nicht mehr herauskomme. Trotzdem glaubt Öngel nicht, dass Integration in Deutschland nicht funktioniert. Vergleiche man die derzeitige Integrationsdebatte hier mit der Situation in den USA, sei das „Meckern auf hohem Niveau“.

Dass die Debatte absehbar etwas ändert, glaubt trotzdem keiner der sechs Studierenden. Vielleicht mit der Zeit, hofft Özkan: „Ich wünsche mir, dass es in dieser Gesellschaft irgendwann nicht mehr wichtig ist, dass ich türkisch bin, dass meine Freunde und ich keine Probleme mehr bei der Berufs- oder Wohnungssuche haben und meine Herkunft irgendwann keine Rolle mehr spielt.“

Von Nora Garben

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