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Göttingen Göttinger Theologe Thomas Kaufmann über Luthers Judenfeindlichkeit
Campus Göttingen Göttinger Theologe Thomas Kaufmann über Luthers Judenfeindlichkeit
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18:24 04.08.2014
Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren: Luther im Jahre 1528 auf der Veste Coburg. Quelle: EF
Göttingen

Die judenfeindlichen Vorschläge seien „genuines Luthererbe“. Es sei bedrückend, dass die Nationalsozialisten unter Berufung auf den Reformator die Novemberpogrome von 1938 inszeniert hätten.

Luther (1483-1546) habe vor allem propagiert, die Juden außer Landes zu weisen, sagte Kaufmann. Vertreibungen seien damals ein „gesamteuropäisches Phänomen“ gewesen. Noch wenige Tage vor seinem Tod habe der Reformator etwa zur Vertreibung der Juden aus seiner Geburtsstadt Eisleben aufgerufen.

Geschehen sei dies dann 1547 als „Spätfolge“ seiner Predigt, sagte der Forscher. Das Niederbrennen von Synagogen habe Luther für den Fall empfohlen, „dass sich die Obrigkeiten nicht auf Ausweisungen einlassen“.

Die Haltung des Reformators zu den Juden gilt als große Belastung für die Geschichte der evangelischen Kirche. Umstritten ist aber, ob es einen Zusammenhang zwischen seinem Antisemitismus und dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden in der NS-Zeit gibt.

„Schattenseiten“ in Leben und Wirken der Reformatoren

Viele Historiker und Theologen lehnen eine direkte Verbindung ab. Mit Blick auf das 500. Reformationsjubiläum 2017 wird in jüngster Zeit wieder verstärkt über die „Schattenseiten“ in Leben und Wirken der Reformatoren diskutiert.

Luther hatte sich vor genau 500 Jahren, am 5. August 1514, erstmals brieflich über die Juden geäußert. In einem Schreiben an seinen Vertrauten Georg Spalatin stellte er sich hinter den Humanisten Johannes Reuchlin (1455-1522), der die Verbrennung des Talmud und anderer jüdischer Schriften ablehnte. Luther ließ zugleich keinen Zweifel daran, dass er das jüdische Schrifttum für gotteslästerlich hielt.

Das Judenbild des nachmaligen Reformators sei schon von seinen frühesten Äußerungen an „ausgesprochen negativ“ gewesen, erläuterte Kaufmann. In der Perspektive des Apostels Paulus habe Luther die Juden als „Repräsentanten der Gottesfeindschaft schlechthin“ angesehen. Zunächst habe er noch mit der „Möglichkeit von nennenswerten Bekehrungen“ gerechnet. Diese Hoffnung habe sich jedoch nicht erfüllt.

Kaufmann verwies darauf, dass Luther kaum persönlich mit Juden zusammentraf. Er ist Autor des Buches „Luthers Juden“, das im Oktober im Reclam-Verlag erscheint.

Von Bernd Buchner/EPD

Bücher zum Thema

Thomas Kaufmann: Luthers Juden, Stuttgart 2014. Verlag Philipp Reclam jun., 220 Seiten, 22,95 Euro (erscheint Anfang Oktober). Vom gleichen Autor bereits erschienen:
Luthers „Judenschriften“. Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung. Zweite Auflage, Tübingen 2013. Verlag Mohr Siebeck, 231 Seiten, 29 Euro.

Infos zum Buch „Luthers Juden“: u.epd.de/6dh

Thomas Kaufmann, Uni Göttingen: u.epd.de/6di

Text „Luthers Schriften über die Juden“: u.epd.de/39u

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