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Göttinger Torsten Hoffmann über Grönemeyers „Mensch“

Der autobiographische Pakt Göttinger Torsten Hoffmann über Grönemeyers „Mensch“

„Momentan ist richtig. Momentan ist gut.“, heißt es in Herbert Grönemeyers Lied „Mensch“ aus dem Jahr 2002. Laut Torsten Hoffmann, Juniorprofessor für deutsche Literatur an der Frankfurter Goethe-Universität, antwortet Grönemeyer hier auf die Frage nach seinem Wohlbefinden, denn der deutsche Sänger trauere in „Mensch“ öffentlich um seine Frau.

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In seinem Song „Mensch“ trauert der Sänger Herbert Grönemeyer um seine verstorbene Frau.

Quelle: dpa

Göttingen. Rückschlüsse auf das Privatleben eines Künstlers anhand seines Werkes zu machen, ist in der Germanistik als „biographische Interpretation“ bekannt und sollte mitunter mit Vorsicht unternommen werden.

Zu verführerisch sei diese Methode und führe häufig am Verständnis des Textes vorbei. Im Fall von „Mensch“ jedoch könne der Text des Liedes ohne das Wissen um den biographischen Schicksalsschlag Grönemeyers gar nicht entschlüsselt werden, sagt Hoffmann.

Grönemeyers Ehefrau, die Schauspielerin Anna Henkel-Grönemeyer, verstarb 1998 an Krebs. Die Boulevardpresse stürzte sich auf die Story, vielleicht gerade weil der Sänger bis dato nur wenig über sein Privatleben preisgegeben hatte, und verbreitete sie. Vier Jahre später veröffentlichte Grönemeyer das Album „Mensch“, auf dem auch die gleichnamige Single zu finden ist und sprach in einem Interview mit dem „Stern“ das erste Mal öffentlich über seine Gefühle und seinen Verlust.

„Erfolgreich trauern“

Hoffmann überschreibt dieses beginnende Kapitel in Grönemeyers Leben mit den Worten „Erfolgreich trauern“, denn „Mensch“ wird zum bestverkauften Album, nicht nur Grönemeyers, sondern in Deutschland überhaupt. Mit 3,7 Millionen verkauften Exemplaren überholt es Alben wie Phil Collins´ „…But Seriously“, Grönemeyers 1984 erschienenes Album „4630 Bochum“ und ABBAs „Greatest Hits“.

Dass das Album so erfolgreich war, liegt nach Hoffmann auch daran, dass die Menschen in der Bundesrepublik dank der Presse viel über das Privatleben des 1956 in Göttingen geborenen Sängers wussten. 2002 horchten also alle Bundesbürger auf, als die Radiostationen „Mensch“ über den Äther schickten.

Vier lange Jahre hatte Grönemeyer getrauert und weder Musik veröffentlicht noch Konzerte gespielt. Jetzt sprach er aus dem Lied heraus und sang „Es ist ok, es tut gleichmäßig weh.“ Da wussten alle: Es geht ihm wieder besser, er wird den Tod seiner Frau überwinden.

Das Lied sei dennoch eine Überraschung gewesen, sagt Hoffmann. Grönemeyer, der vor allem als schnulziger Balladensänger und als einer, der gerne künstliche Synthesizer einsetze, verschrien war, zeigte sich im Lied „Mensch“ rockig, bis funkig, wo alle eine traurige Ballade erwartet hätten. Und auch der Text von „Mensch“ verzichtet auf viel Pathos.

Popmusik entsteht erst in der Rezeption

Vielmehr beschwört er die Heilung durch das Meer, zeichnet ein Menschenbild, welches sich trotzig gegen die Widrigkeiten der Welt auflehnt und spricht an keiner Stelle explizit von Trauer. Allein die knappe Zeile „Du fehlst“ gibt den Zuhörern die Möglichkeit, das Lied als Trauerarbeit nach dem Verlust eines geliebten Menschen zu verstehen.

Hoffmann sieht in „Mensch“ Diedrich Diedrichsens These, dass Popmusik erst in der Rezeption entstehe, untermauert. Denn hier, so sagt er, gehe das Publikum  mit dem Sänger einen „autobiographischen Pakt“ ein, indem die Rezeption vom Leben des Sängers gesteuert wird.

Die Vortragsreihe „13 Lieder. Lektüren und Analysen populärer Songs“ wird  fortgesetzt mit dem Vortrag „Über Pop-Musik“ am Dienstag, 27. Januar, von Prof. Diedrich Diederichsen, Akademie der bildenden Künste Wien (Österreich), und Prof. Gerhard Kaiser, Seminar für Deutsche Philologie, um 20 Uhr im Literarischen Zentrum Göttingen, Düstere Straße 20.

Von Serafia Johansson

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